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Das Baunscheidtieren

Das Verfahren

Das Baunscheidtieren, benannt nach seinem Erfinder Carl Baunscheidt, ist eine physikalische und chemische Hautreiztherapie. Mittels kleiner Nadeln wird die Hautoberfläche leicht angeritzt, so dass 1-2 mm tiefe Poren in der Haut entstehen. Blut tritt dadurch nicht hervor. Der so vorbereitete Hautbereich wird mit einem ätherischen Öl dünn eingestrichen. Je nach Reaktionsintensität zeigen sich kleine rote Pusteln, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Man kann das Baunscheidtieren am Ort des Geschehens, aber auch an entgegengesetzten Orten durchführen, um das Krankheitsgeschehen wegzuleiten. Z.B. bei Mittelohrentzündung im Bereich des Oberarms.

Das Wirkprinzip

Durch  das Baunscheidtieren wird die Haut als unser größtes Bindegewebsorgan angeregt,  durch Aus- und Ableitung den Organismus zu reinigen. Außerdem stehen bestimmte  Hautregionen über das vegetative Nervensystem in Verbindung zu inneren  Organen. Die behandelte Hautregion, z.B. das Lendenwirbelgebiet, wird verstärkt  durchblutet und regt dadurch die Funktion des ihr zugeordneten Organs, also die  Ausscheidungsaktivität der Niere an. So wird die natürliche  Reaktionsbereitschaft des Organismus insbesondere bei chronischen Prozessen wieder  in Schwung gebracht.

Anwendungsgebiete:

  • Zeichen der Stauung
  • Zeichen der verminderten Reagibilität
  • Rheuma
  • Arthrose
  • Nervenschmerz
  • Funktionsstörungen innerer Organe
  • alle entzündlichen Erkrankungen zur Ab- und Ausleitung
  • Wadenkrämpfe
  • Sehnenscheidenentzündung
  • Menstruationsstörungen
  • Narbenstörfelder
  • Muskelverhärtung

Carl Baunscheidt und das Baunscheidtieren

Carl Baunscheidt .... Historie

Der Erfinder dieser Methode zur Ausleitung lebte von 1809 bis 1873. Carl Baunscheidt wurde auf dem Hof seines Vaters in der Nähe von Hagen (Westfalen) 1809 geboren. Nach dem Tod des Vaters verließ er den Hof als 16jähriger, um in Hofwil bei Bern eine zu dieser Zeit fortschrittliche Bildungsanstalt zu besuchen. Diese Schule stellte ihn nach einem guten Schulabschluß sofort als Gewerbelehrer ein. Von seinem Selbstverständnis war er aber Mechanikus, wie auch Kopernikus, Kepler, Newton u. a. .So kehrte er nach Westfalen zurück. Er entwickelte einen Pflanzstock, ein Visier, ein Pockenimpfgerät und vieles mehr. Als Erfinder auf vielen Gebieten lebte er später in Endenich, heute ein Teil Bonns.

Die zu dieser Therapie notwendige Erfindung war der “Lebenswecker”. 1847 war Carl Baunscheidt an schwerer Gicht am rechten Arm und der rechten Hand erkrankt. So musste er das Zimmer hüten. Durch das offene Fenster kamen Mücken, die ihn in die Haut über den befallenen Gelenken stachen. Rasch stellte sich eine Linderung ein. Zur gleichen Zeit erhielt er Besuch von einem Freund aus Ostasien, der ihm von der Akupunktur berichtete. Dies brachte Carl Baunscheidt auf die Idee des Lebensweckers.

Der Lebenswecker ersetzt den Stachel, den Speichel das Oleum Baunscheidtii, das er ebenfalls ersann.

Diese Erfindung, und der riesige Erfolg der Methode in den 50er und 60er Jahren, machte ihn zu einem erfolgreichen Fabrikanten und Kaufmann. So konnte er sich die Burg Dottendorf bei Bonn, erbaut von Karl dem Großen,  kaufen und die nötigen umfangreichen Renovierungen leisten. 1873 starb Carl Baunscheidt.

Carl Baunscheidt
Lebenswecker damals

Das Baunscheidtieren .... Hintergrund

„Die Humoralpathologie geht von dem Verständnis aus, dass alle Krankheiten aus einer fehlerhaften Zusammensetzung des Blutes und der Körpersäfte, kurz Dyskrasie. entstehen. Überall dort, wo sich etwas im Ungleichgewicht, in der Dysharmonie befindet, muss mit einer entsprechenden Therapie wieder Harmonie und somit Heilung geschaffen werden.

Man weiß heute, dass auch die Körperflüssigkeiten gewissen Regelvorgängen unterliegen. Hierbei spielt das vegetative Nervensystem eine wesentlich Rolle.

Es ist hinreichend bekannt, dass ein geringes Maß an Stress für die Erhaltung des Lebens notwendig ist. Wird dieses Maß überschritten, so findet u. a. ein massiver Angriff über das Vegetativum auf eben diese Regelvorgänge statt. Das dadurch entstandenen Ungleichgewicht wird durch zusätzliche Noxen, wie z.B. eine ungesunde Lebensweise, noch verstärkt.

Der Körper versucht, die Schlackenstoffe und Gifte, welche für die Entstehung der Dyskrasie verantwortlich sind in das Bindegewebe abzuschieben. Das Bindegewebe als mesenchymales Abwehrsystem ist bei chronischer Belastung überfordert und nicht mehr in der Lage, seinen vielfältigen Aufgaben nachzukommen.

Es liegt nun nahe, über die Haut, als unser größtes Bindegewebsorgan, durch Aus- und Ableitung den Organismus zu reinigen und somit humoraltherapeutisch zu wirken.

Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, mit geeigneten Methoden über vegetative Nervensystem in der Haut Einfluss auf die Funktion der einzelnen Organe zu nehmen.“

Edelgard Scheepers

Der Baunscheidtismus ist ein chemisches und physikalisches Hautableitungsverfahren. Zugleich erreicht man über ein Reflexgeschehen bestimmter Hautareale die inneren Organe. Durch die Behandlung kann die Reaktionsbereitschaft des Organismus bei chronischen Prozessen wieder angeregt werden.

Die Rezeptur des Baunscheidöls war von Herrn Baunscheidt immer geheim gehalten worden. Analysen gingen von den Hauptbestandteilen Crotonöl und Olivenöl aus. Durch das Crotonöl kam es zu eitrigen Pusteln, die nach einer Woche abheilten. Crotonöl ist krebsfördernd. Heute wird Crotonöl nicht mehr verwendet. Dafür kommt jetzt ein Olivenöl mit ätherischen Ölen, sowohl mit als auch ohne Histamin zum Einsatz.

Man kann das Baunscheidtieren am Ort des Geschehens, aber auch an entgegengesetzten Orten durchführen, um das Krankheitsgeschehen wegzuleiten. Z.B. bei Kopfschmerzen im Bereich der Waden.

Anzeige:

  • Zeichen der Stauung
  • Zeichen der verminderten Reagibilität
  • Rheuma
  • Arthrose
  • Nervenschmerz
  • Funktionsstörungen innerer Organe
  • alle entzündlichen Erkrankungen zur Ab- und Ausleitung
  • Wadenkrämpfe
  • Sehnenscheidenentzündung
  • Menstruationsstörungen
  • Narbenstörfelder
  • Muskelverhärtung

Gegenanzeige:

  • Allergie gegen Inhaltsstoffe des Baunscheidtöles
  • Gleichzeitige Behandlung mit Schröpfen oder Hautreizmittlen
Zum Originalwerk hier anklicken

(Originaltext siehe unten)

Baunscheidtlokalisation

Das Baunscheidtieren .... praktisch

Mittels eines Nadelkopfes, der mit eine Feder vorschnellt werden 1-2mm tiefe Poren in die Haut gestichelt. Blut tritt dadurch nicht hervor.

Danach wird die Fläche mit einem speziellen Öl, das ätherische Öle und teilweise auch Histamin enthält, eingepinselt.

Der Lebenswecker heute:

Der Lebenswecker in seinen Einzelteilen:

Teile des Lebenswecker
Zweihandlebenswecker
Ergebnis nach einigen Minuten
Ausschnitt der obigen Ansicht

Am nächsten Tag ist nichts mehr von dem Baunscheidtieren zu sehen.

Durch eine heiße Dusche kann dann noch mal eine leichte Reaktion provoziert werden.

Das Originalwerk von Carl Baunscheidt:

Der Baunscheidtismus

 

Vorwort zur zweiten und dritten Auflage

 

Vor wenigen Jahren fühlte ich mich veranlaßt, die Aufmerksamkeit der Herren Ärzte auf eine von mir erfundene neue Heilmethode zu lenken. Unerachtet mir nun von vielen Seiten die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, hat sich dennoch diese Erfindung durch vielfältige Praxis so bewährt, daß sie sich die Bewunderung mehrerer hochstehender Mediziner erwarb, welche erhaben waren über die Vorurteile eines Zeitalters, in welchem man mehr unnütze Brocken aus vermoderten und bestaubten Folianten, als praktische Kenntnis des menschlichen Körpers von der medizinischen Welt verlangt. Vergleicht man die große Zahl der heut zu Tage practizirenden Ärzte mit der Anzahl von Patienten, welche ihr Leben leider in zerrütteter Gesundheit dahin schleppen, so kann man sicher das frühe Ableben unserer jetzigen Generation der Unwissenheit der Herren Mediziner in unendlich vielen Fällen zuschreiben: eine Behauptung, die jedem Vernünftigen sehr natürlich erscheinen wird.

Zwar werden hierauf einige der Ärzte ausweichend antworten: Es sei ihnen bis jetzt noch nicht vergönnt, in die Mysterien der menschlichen Natur hineinzublicken. In diesem Falle würde jedoch jeder denkende Mensch wohl erwidern: Können wir doch auf dem Felde anderer Wissenschaften uns vervollkommnen; hat uns doch die Vorsehung erlaubt, die Hindernisse der Entfernung durch Telegraphen und Dampfmaschinen zu bewältigen; können wir doch durch unsere Fernröhre die am Firmamente sich belegenden Sonnen und Monde beobachten; ist doch sogar das Leben der Pflanzen unsern Beobachtungen nicht ausgeschlossen; und sollte die Medizin, diese Wissenschaft, wobei es sich um Leben und Tod des Menschen, um Sein und Nichtsein der ganzen Existenz handelt, die einzige sein, worin uns die Aufklärung und der Fortschritt vorenthalten wären? - Nein, das ist sie nicht, und möge auch die hochlöbliche medizinische Fakultät in ihrer unendlichen Gelehrsamkeit gegen solche Behauptung sich Stäuben, so kann sie dennoch, wie die vielfach angewandten Kuren des »Lebensweckers« beweisen, dem Fortschritte des Geistes heut zu Tage keine Bücher-Barrikaden in den Weg legen.

Es beschränkt sich in unserm Zeitalter der Geist der Neuerung und des Forschens nicht auf ein einzeln abgegrenztes Feld; er reißt vielmehr die Schranken der Allerthumskrämerei nieder und schwingt sich, frei von Vorurtheilen, über die Ruinen alter, aus dem Lateinischen und Griechischen zusammengeerbter Systeme empor, um in dem ungemessenen Felde der subjectiven, freien Forschung der Natur die Wege abzulauschen, die sie nach ewigen, unwandelbaren Gesetzen bei ihren vitalistischen Schöpfungen und Verwandlungen strenge beachtet; denn unsern Nebenmenschen practisch zu nützen, nicht das Leben derselben den bisherigen, so oft fehlschlagenden, ärztlichen Versuchen auch fortan noch hinzuopfern, oder gar durch grobe Mißgriffe die Leichtgläubigkeit den beutegierigen Händen betrügerischer Wunderschäfer, gewinnsüchtiger Quacksalber und den phantasmagorischen Feilbietern mysteriöser Amulete, als galvanomagnetischer Rheumatismusketten, mirakulöser Bilder etc. etc. zu überantworten, oder mit der Revalenta arabica etc. ihnen Brei um's Maul zu schmieren, - dieses ist der wahre Zweck der ursprünglichen medizinischen Wissenschaft. Und das ist ein großer, ein schöner Zweck!

Bedenkt man nun, wie so mancher Mensch in seinen besten Lebensjahren als Opfer einer falschen Behandlung ins Grab sinkt, so ist man versucht, die Erfüllung des wichtigen Berufs der Mediziner in bescheidenen Zweifel zu ziehen. Oder soll man fernerhin noch Tausende von Menschenleben hinopfern, um vielleicht in zukünftigen Jahren Ein Menschenleben zu retten? - Soll noch fernerhin einer Heilkunst Weihrauch gestreut werden, deren höchste Vollendung in Section, Zerstückelung menschlicher Cadaver, in der Kenntniß lateinischer und griechi­scher Namen und in der Virtuosität bestand, die größte Mannigfaltigkeit und Auswahl bei Rezeptirungen von Sachen zur Hand zu haben, die so häufig das Gegentheil von dem bewirken, was sie eigentlich leisten sollten? - Nein, nur die Heilmethode, welche sich fest und sicher auf die unumstößlichen Gesetze der Natur begründet und stützt, kann die richtige sein, und diese feste Grundlage ist es eben, welche wir bei den bis jetzt bestehenden medizinischen Systemen so sehr vermissen.

Wenn es früher meine Absicht gewesen (wie in der Vorrede zur ersten Auflage angegeben), die wohlthätige Wirkung des »Lebensweckers« auf Augenkrankheiten durch eine besondere Broschüre zu beweisen, so muß ich jedoch leider mit dieser Aufgabe noch so lange warten, bis es gelungen sein wird, unseren Herren Medizinern die Geistesaugen zu öffnen, ein Zeitpunkt, der sicherlich nicht mehr fern sein dürfte*[i].

Übrigens geht diese Druckschrift in die Welt, um die wohlmeinende Absicht des Verfassers zu erfüllen, nicht ihren Gegnern zu schaden, sondern aufzuklären und Gutes zu thun, und der Wissenschaft zu ihrem Zwecke zu verhelfen, welcher kein anderer ist, als Aufklärung des Menschengeschlechts. Und erst dann wird mein neues Heilverfahren seinen unaussprechlich hohen, allgemeinen Nutzen erreichen, wenn die jungen Mediciner, wie es der heilige Zweck bedingt, angewiesen werden, den Geist der Erfindung bei dem Autor selbst in einem kleinen Cursus praktisch kennen zu lernen; denn was würde z. B. selbst das beste Musik Instrument in der Hand des Unkundigen sein?

Sowie die erste Auflage als Eckstein, die zweite als der Rohbau meiner neuen Heillehre gelten kann, möge diese vorliegende, sehr bereicherte dritte Auflage von Freund und Feind als noch haltbarerer Fortbau anzusehen sein.

Zu wünschen wäre noch, daß einzeln vorgekommene Fälle, da man die Requisition des Lebensweckers gerade bis auf den letzten Lebensaugenblick des Patienten und bis zu der Erklärung des Arztes hinausschob, »daß nun nichts mehr zu machen sei« - in der Folge ganz wegfielen; die Patienten waren nämlich in den bezüglichen Fällen schon gestorben, als der Lebenswecker ankam, und da müßte natürlich das Instrument ein Todtenwecker sein, wenn sein Gebrauch noch wünschenswerth erscheinen könnte, es sei denn, daß man dasselbe (siehe Seite 63) als Todesprobe benutzen wollte.

Schließlich fühlt sich der Verfasser verpflichtet, seinen tiefgefühlten Dank allen Denen abzustatten, welche sein Streben, der ganzen Menschheit wahrhaft nützlich zu sein, erkannt und für die Verbreitung dieser segensvollen Heilmethode so viel gethan haben, sowie er auch nicht unterlassen kann zu bemerken, daß er die ihm gegebenen schätzbaren ärztlichen Winke wiederum mit dem größten Danke angenommen und nach Möglichkeit benutzt habe.

Dem Ganzen gebe ich einen Geleitsbrief in die Öffentlichkeit mit hinaus, nämlich ein Circular an alle in- und ausländischen Regierungen.

Endenich bei Bonn, den 15. April 1855.

Der Verfasser

 

Das Leben und sein Zweck

 

Einleitung

 

»Liegt doch in Sonnenklarheit

Das Wort auf Wald und Flur:

Es gibt nur eine Wahrheit-

Und das bist du - Natur.«

 

Welch eine Welt von Gedanken liegt in dem Worte »Leben«. Der Streit sich widerstrebender Leidenschaften; die ewig mit einander kämpfenden Geschicke; das rastlose Streben nach einer nie zu erlangenden Erkenntniß; diese und der Gefühle noch Tausende mehr, tragen dazu bei, die unendliche, sich stets mehrende Zahl von Ideen anzuschwellen, welche in dem einzigen Worte »Leben« liegt. Schmiegt sich doch Alles auf Erden dem Lebensprinzipe an. Die Blume neigt sich liebend dem Leben gebenden Lichte entgegen; die Nachtigall begrüßt freudig den lebenbringenden Lenz; der Strom fallt freudiger dem Meere zu, wenn er sich von der Todeserstarrung der Eisdecke befreit hat; - und der Mensch - o wer, und mag er auch noch so sehr zur Ertenntniß der schwarzen Seiten des Lebens gelangt sein, wer würde sich gerne von diesem Erdenleben trennen? Gewiß Niemand! Denn wo nicht selbstverschuldete oder fremde Ursachen eine traurge Abnormität bildeten, da jauchzet Alles in Gottes herrlicher Schöpfung triumphirend dem Leben entgegen, und schaudert furchtsam zurück vor dem Schreckbilde des Todes. - Nur der finstere Misanthrop, der, indem er die ganze Welt in ein Kloster sperren möchte, dadurch der Regenerirung den Weg verschließen und den kolossalsten Mord, den Todtschlag der ganzen Menschheit, auf seine fühllose Seele laden würde; dessen Ideenkreis sich in unerforschliche, weil für die Sinnenwerkzeuge des Erdenmenschen unerreichbare Metaphern versteigt, während er die liebende Mutter, aus deren Schooße er hervorging, die seine Wege überall mit den, zu seinem Bestehen, wie zu seinem Vergnügen ersprießlichen Erzeugnissen bestreute -- die ihn endlich an seinem Lebensabende mit gleicher Innigkeit wieder aufnimmt, kaum dem Namen nach kennen gelernt hat - nur er allein vermag es, sich das Leben als eine qualvolle, der geistigen Seligkeit hinderliche Last, die Erde als ein Jammerthal vorzustellen, in welchem Armuth, Mangel, Krankheit, Leiden aller Art, jawohl gar die widersinnigste Mißhandlung des eigenen Körpers (Kasteiung Flagellation) verdienstliche Werke und vollendete Weisheit seien.

Überall, in Wald und Flur im Wasser wie im Himmelsäther, hat die gütige Mutter Natur, alle ihre Kinder mit gleicher Liebe umfassend ihre erfreuenden Wohlthaten für den Menschen aufgehäuft. Der Samojede, des eisigen Nordpols armes Kind der Anachoret in dürrer Wüste, erfreuen sich, wie der Bewohner des üppigen Südens, an Sonnenschein und Regen und genießen dankbar die Gaben einer unendlichen, schrankenlosen Liebe, die nicht müde wird, durch zahllose, miriadenmal verzweigte Kanäle, aus ihrem unerschöpflichen Borne Lebensfreuden und Leben in's Leben hinein zu pulsen. Als der Mensch noch auf der ersten Stufe der Gesittung stand, und kein anderes Gesetz als dasjenige kannte, welches der Schöpfer auf jedes Blatt am Baume auf jedes Gräschen der Wiese geschrieben hatte als die Befriedigung der unerläßlichsten Bedürfnisse den ganzen Kreis seiner physischen Wünsche beschloß; als er mit Einem Worte der Natur noch am nächsten stand: da trotzte der markige Körper Jahrhunderte hindurch allen Einflüssen der Natur, deren Kind und Schüler er war. Jahrtausende aber waren erforderlich, den natürlichen, gesunden Sinn des Menschen in Labyrinthe zu verleiten, wo er, seinem glücklichen Urstande entrückt, durch Feinschmekkerei verweichlicht, durch Sinnenrausch und Frühreife entnervt, ein schwaches, willenloses Werkzeug in den Händen einzelner Egoisten werden sollte. So wurde die Menschheit, wie das Leben des Individuums, systematisch jenem traurigen Siechthume entgegengeführt, welches die angestammte Geistesfrische durch Gewissenszwang tödtet, das ursprüngliche, kraftvolle Körperleben aber durch ein zahlloses Heer von Krankheiten und Widerwärtigkeiten aller Art dahinmordet.

So kam es denn, daß sich uns bei näherer Betrachtung das jetzige Leben der Individuen als ein flüchtiger Schatten darstellt, der auf eine Handvoll Jahre beschränkt ist, die theils in vereitelten Hoffnungen, theils in kümmerlicher Gesundheit oder in fruchtlos verschwendeten Kräften dahin geschleppt werden.

Krankheit zerrüttet die Kraft des menschlichen Körpers und wirkt störend auf den menschlichen Geist Alle Fähigkeit, die uns umgebenden Freuden in uns aufzunehmen, verschwindet, und die Natur, jene unerschöpfliche Quelle so vieler Genüsse, wird ein Tempel voll Todten-Altäre, auf denen nicht mehr die Flamme der Liebe und Begeisterung brennt; das Auge, der Spiegel der Seele, blickt matt und gedankenlos um sich her, und vermißt in der Schöpfung jene Lebensfülle, welche gerade in den Augen des denkenden Menschen derselben so viel Werth verleiht. Und so verliert der Mensch, dessen Forschungsgeiste kein wissenschaftliches Feld zu ferne liegt, seine schönsten Kronen: den Durst nach Wahrheit und die Freude am Leben. Was nützen dem Reichen auf dem Siechbette seine aufgehäuften Schätze, die er nicht mehr zählen, was fruchten ihm die ausgesuchtesten Speisen und gewürzigsten Weine, die er nicht mehr genießen kann? - Die Mißgunst vergällt dem Geizigen seine Geldkisten; der habsüchtige Geist klammert sich an ein Leben der Entbehrung fest, selbst wenn auch Krankheit ihm die Genüsse des wirklichen nicht verschlossen hält - und die irregeleitete Phantasie, sich immer tiefer und tiefer verlierend in der gröbsten Versündigung an der eigenen Existenz, umarmt den Lebens-Überdruß, der nicht selten das Mordwerkzeug des eigenen Daseins geworden ist.

Doch nicht allein in der physischen Krankheit, dem eigentlichen Brennpunkte aller Erdenleiden, beruht die Schattenseite des Erdenlebens: viel häufiger noch sind es ihre bedingenden Mitursachen, die Unvollkommenheit unserer Einrichtungen, die zur Fühllosigkeit herabgesunkene Bruderliebe, welche namen- und zahlloses Erdenelend in's heilige Leben aussäen.

Wie oft sehen wir den großen Geist, welcher Jahrelang nach einem Ideale strebte, am Felsen der Verzweiflung scheitern, und mit dem arbeitsamen Manne, der im Schweiße seines Angesichts die Familie ernährte, als ein Opfer des Mangels fallen! - Die dem Laster weichende Tugend, die durch Lüge bezwungene Wahrheit, wie oft treten sie nicht als Hauptfiguren in den tragischen Schauspielen hervor, die sich im Leben unsern Blicken zeigen! Und wer könnte es läugnen, daß heut zu Tage oft das Gute durch den Neid, das Schlechtere durch die Gunst des Privilegiums erhalten wird?...

 

Der Baunscheidtismus

A. Die Liebe zum Leben

Wenn das Leben ein so trauriges, durch so unendlich viele Calamitäten getrübtes ist, warum hängt der Mensch dennoch mit so inniger Liebe an demselben?

Die Lösung dieser Frage könnte bei einigem Nachsinnen aus den gegebenen Vorausschickungen unschwer zu entnehmen sein. Das Dunkel, welches uns die Zukunft über unsern Sarg hinaus verhüllt, ist auch wenn wir die tausend und aber tausend Systeme religiöser Meinungen ganz bei Seite setzen, so ehrwürdig und schrecklich zugleich, daß auch der blindeste Wahnglaube nicht im Stande ist, durch einen unbedingten freiwilligen Verzicht auf eine greifbare Existenz ein Elysium einzutauschen, dessen faktische Inspizirung bisher noch keinem Sterblichen gestattet worden, dessen Erwerb kein notarieller Kaufact uns verbriefen kann. Der Egoismus, die dem Menschen angeborne, von seiner Natur unzertrennliche Habsucht, mit glimpflichem Worten, das Streben nach einer fortdauernden Glückseligkeit über die irdische Dauer hinaus, stehen zunächst als Ergebniß der Frage da: wie ist es möglich, wie ist es denkbar, daß ich, Mensch, ein vernunftbegabtes, geistig-physisches Wesen, aufhören könnte zu sein? - Diese bejahende Frage, als ursprüngliche Wurzel aller methaphysischen Systeme, erleidet aber bei diesem vernunftbegabten Wesen einen harten Stoß durch die andere, negirende Gegenfrage: Wie ist es möglich, wie ist es denkbar, daß es eine Zeit gab, wo ich, Mensch, mit meinem denkenden Geiste noch gar nicht da war?

Aus diesen und ähnlichen, wenn auch noch so verworrenen Schlüssen setzt sich, auch gegen den stärksten Willen, in dem menschlichen Geiste der Zweifel fest und wird, wenn auch gegen das Selbstgeständniß, das erste Glied zu der Kette, welche den Menschen an's Leben bindet.

Dem Zweifel zur Seite geht die Hoffnung, welche den Menschen oft noch unter dem Henkerbeile das rettende Wort der Gnade erwarten läßt und ihn allenthalben und in allen Lagen an's Leben bindet. -So leiten Zweifel und Hoffnung den Menschen durch die Labyrinthe des Lebens, und selbst verlassen und verbannt von seinen Mitmenschen sucht er sich Entschädigung bei der liebenden Mutter Natur, erfreut sich am Geflimmer der Sterne, athmet schuldlos und leicht des Himmels erfrischenden Aether, erquickt sich am Strahle der Alles belebenden Sonne, trinkt den Balsamduft des beblümten Angers, kühlt den brennenden Gaumen am sprudelnden Felsenquell und unterhält die Thätigkeit des bellenden Magens mit einfacher Wurzelkost. Und zu seinen Füßen murmelt ihm der rieselnde Bach, in dem schattigen Laubdache des Hochwaldes schlagen ihm die gefiederten Sänger, im erquikkenden Schlafe gaukelt ihm der liebliche Traum: das Leben ist doch schön! –

So gesellt sich dem Zweifel und der Hoffnung der Schmeichelton der lachenden Seite des Lebens bei - und die Liebe zum Leben erfüllt des Menschen ganzes Wesen; die Liebe zum Leben leitete seinen Sinn zur Aufspähung und Entdeckung der in den Reichen der Natur verborgenen Kräfte; die Liebe zum Leben bildete den ersten Mediziner; die Liebe zum Leben fand auch den Baunscheidtismus.

 

B. Organismus

Der thierische Organismus, Körper, verdankt seine Entwicklung und Erhaltung der Aufnahme von Stoffen aus der Natur, welche Stoffe wir Nahrungsmittel nennen. Das Verdauungs-System bildet aus den Nahrungsmitteln diejenigen Säfte (Lebensstoffe), welche zur Erhaltung der mannigfachen Gebilde des Körpers nothwendig sind und welche demselben theils in fester, theils in flüssiger Masse abgetreten werden. Diejenigen Stoffe, welche als feste Theile sich im Körper ansetzen, befinden sich wie die nicht verdichteten, vorher in flüssigem, aufgelöstem Zustande und bilden sich erst dadurch zu festern Massen, daß sie von den betreffenden Organen angezogen werden, an sie herantreten, sich ihnen einverleiben, was die Mediziner Assimilation nennen. Während nun so alle Theile und Organe mit neuen Stoffen getränkt, versorgt werden, sondern sich diejenigen Stoffe wieder ab, die ihre belebende Essenz verloren, ihre Dienste geleistet haben, um sich auf ähnliche Weise ebenfalls in aufgelöstem Zustande wieder ab- und ausscheiden zu lassen. Werden dieselben aber durch irgend welche störende Eindrücke im Körper zurückgehalten, so treten sie als krankmachende Potenzen in demselben auf und richten Verheerungen im Organismus an. (Leberkrankheiten, Gallen- und Blasensteine u. dgl.) -

Die Arterien, welche in immer feinern Zweigen nach den Organen und Theilen sich verlieren, führen die zur Assimilation präparirten Stoffe den entsprechenden Geweben zu oder strömen dieselben in andere Organe aus, in denen sie zur allmäligen Verwendung des Körpers aufbewahrt bleiben, wie wir dieses bei den Weiberbrüsten, Hoden u.s.w. finden. - Auf gleiche Weise leiten die Arterien die Ausscheidungsstoffe,  welche sie durch  das Venen-  und Lymphgefäß-System erhalten, in solche Organe, die sie wiederum aus dem Körper entfernen, z. B. durch die Nieren und die Blase.

Sind nun solche Organe eingeschlafen, untauglich geworden, ihre Dienste zu verrichten, so müssen die Produkte und Stoffe, welche sie liefern und erzeugen, sowohl qualitativ als quantitativ verändert, normwidrig werden. Dasselbe gilt aber auch, wo die zarten Innenhäute der Gelenke, der Muskeln, der

Knochen und der Synovia (Gelenkschmiere) irgend wie verderbt sind.

Nicht nur durch die Harn- und Lungen-Ausscheidung, sondern auch durch die Hautausdünstung wird ein großer Theil der Stoffe, die für die Oekonomie des Körpers überflüssig waren oder wurden, ausgeschieden*[ii]. Die Hautausdünstung (beziehungsweise Schweiß) ist aber an solchen Körperstellen am stärksten, wo die meisten Arterien sich nach der Haut verzweigen, z.B. an den Gelenken, an den Händen und Füßen. Die Haut scheidet aber nicht nur reines Wasser, sondern auch mancherlei andere, subtile Bestandtheile, besonders aber Salze mit aus. Diese Salztheile, welche in aufgelöstem Zustande durch die Haut treten, schlagen sich meist als schuppenartige Blättchen oder krankhaft als ein kalkartiger Grind an der Oberfläche der Haut nieder. Das Letztere ist besonders bei solchen Individuen der Fall, wo nur wenig oder gar keine Gelenkschmiere in dem betreffenden Gliede vorhanden war, so daß man bei jeder Bewegung ein gewisses Knarren vernehmen konnte. Sowie aber der Gesundheitszustand des Menschen neben einer vernünftigen Lebensweise von einer steten, am ganzen Körper regelmäßig vor sich gehenden Ausdünstung abhängt, eben so sehr ist derselbe auch bedingt von der dem lebenden Organismus gegebenen Kraft, auf die äußeren Einflüsse zu reagiren und solche für sich unschädlich zu machen. Sobald eine schädliche Potenz auf den Körper einwirkt, sucht derselbe diese zu bewältigen, sie zurückzustoßen, Häufig ist aber der Körper in der Gesammtheit seiner Systeme hierzu zu schwach, wo dann wenigstens die stärkeren Theile die Eindrücke zurückweisen, die schwächeren hingegen unterliegen, erkranken. Das Reaktionsvermögen des Körpers und der Peripheralhaut insbesondere wird aber bei Kälte-Einwirkung vorzugsweise erregt. Die Kälte macht alles erstarren, sie wirkt kontrahirend, lähmend, und hemmt nicht nur das Wachsen der Pflanzen, sondern auch das Gedeihen der Thierwelt, kurz, sie bringt eine gänzliche Umstimmung der Lebensthätigkeit im Organismus zu Wege. Je mehr die Kälte aber z.B. als Zugluft*[iii] konzentrirt ist, um so nachtheiliger sind ihre Wirkungen auf den Organismus, besonders aber bei erhitztem Körper.

Und so stellen wir denn, nachdem wir in Vorstehen dem, sowohl der eigenen, als auch der klaren Anschauungsweise des Herrn Dr. G. F. H. Pfeifer gefolgt sind, allen den vorangeführten bunten Hypothesen über die Ursachen der Gicht wie des ganzen flußrheumatischen Krankheits-Gebietes kühn entschlossen die Behauptung entgegen:

Die Kälte-Einwirkung, die Erkältung ist der Urgrund des ganzen fluß- und fieberrheumatischen Krankheits-Gebietes, welches dann wiederum das Fundament zu den meisten übrigen Krankheiten legt.

Das Wesen des Rheumatismus, der Gicht, oder welche Namen man diesen Zuständen sonst beilegen möge, darf daher nicht in irgend einer krankhaften Materie gesucht werden, durch welche Entzündungen, Destruktionen der Glieder u.s.w. erzeugt würden; wir müssen es vielmehr in einer Unterbrechung der zweifachen Hautthätigkeit, in einer Störung der Assimilation und Reproduktion, in einer Umstimmung des Nervenlebens und der organischen Thätigkeiten suchen. Die Afterprodukte und Stoffe, welche sich in der Gicht an den Gelenken ausscheiden oder ablagern, sind nicht als krankmachende Materie, sondern nur als pathische Produkte, als Folge der unterbrochenen organischen Thätigkeiten zu betrachten. Es versteht sich von selbst, daß ein krankhaftes Organ auch nur normwidrige Produkte liefern kann, die dann in der Folge jenen eigenthümlichen, ambulanten Krankheitsstoff bilden, der durch die Unthätigkeit, Impotenz, der Peripheralhaut unter der Oberfläche derselben mit Gewalt zurückgehalten wird, bald hier, bald da seinen Sitz hat, der aber überall, wo er sich niederläßt, nicht nur die zarten Nerven und die benachbarten Muskeln in eine ungewohnte und höchst lästige Spannung versetzt, sondern die Einen sogar auf die Dauer lahmen und die Ändern für immer zerstören oder abtödten kann*[iv]. Die verschiedenartigen Symptome, unter welchen die Gicht auftritt, ändern nichts am Wesen und Ursprünge derselben, der sich, wie gesagt, immer auf Erklärung zurückführen läßt. Dieselben brauchen indeß hier nicht weitläufig erörtert zu werden, da sie aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen im zweiten Theil sowohl, wie aus den im dritten Theile dieses Werkes folgenden »Krankenberichten« leicht zu entnehmen sind. Welche Resultate lieferte nun das seitherige Heilverfahren der gelehrten Herren in all den verschiedenen, mehr oder minder schmerzlichen Leiden und Krankheiten, die in der gewaltsamen Zurückhaltung jener feinflüssigen Materie ihren Entstehungsgrund haben, und die wir im Allgemeinen mit den Worten: »Rheumatismus, rheumatische Fieber« u.s.w. bezeichnen? - Antwort: Das seitherige Heilverfahren in diesem (wie in den meisten übrigen) Krankheits-Gebiete war gar kein Heilverfahren.

Denn abgesehen davon, daß solches Verfahren schon deshalb kein wahres, durchgreifendes Heilverfahren sein konnte, weil man innerlich mediziniren ließ, während doch die Krankheit fast äußerlich und zwar unmittelbar unter der Oberfläche des menschlichen Körpers saß; abgesehen also davon, daß ein solches System nur ein falsches Verfahren und dieses nie einen günstigen Erfolg erzeugen konnte, waren im Gegentheile die meisten Patienten nach eingenommener Medizin erst recht eigentlich eingeschlammt und krank geworden. Und wenn auch mitunter einmal die Kur einer so vom Arzte selbst hervorgerufenen Krankheit glückte, so darf dreist angenommen werden, daß dann mehr die starke und kräftige Natur des Patienten, als die ärztliche Geschicklichkeit geholfen hat. - Hier gab es kein System, keinen festen Anhaltspunkt: denn der Eine verschrieb in demselben Krankheitsfalle auf gut Glück hin dieses, der Andere jenes Remedium, und es ist eine unläugbare Thatsache, daß: wer immer in einer und derselben Krankheit ein Dutzend Aerzte isolirt konsultirt, auch jedesmal zwölferlei Rezepte erhält! Kein Wunder, wenn unter so miserablen Umständen der alten Medizinalia, wo der menschliche Körper, das Leben des Menschen selbst, den Prüfstein der bunten Rezeptirungen des oft aufs Geradewohl im Finstern tappenden Arztes hergeben mußte, so Mancher todt gedoktert wurde. Der eine Patient wurde wohl zuweilen auch etwas besser, wenn der im Finstern tappende Arzt zufällig einmal Glück in der Wahl seiner Siebensachen gehabt; ein Anderer besserte sich nicht und wurde auch nicht schlechter, wenn das verordnete sogenannte Heilmittel weder nützlich noch schädlich gewesen. Die meisten Patienten aber wünschten sich bald wieder ihr erstes Uebel, ihre ersten Schmerzen zurück, und wenn dann die eigene Natur des Patienten nicht mehr auszuhelfen vermochte, so war derselbe auch in der Regel rettungslos verloren. Hatte z. B. Jemand nur rheumatische Kreuz- oder Rückenschmerzen, so waren es entweder die Schröpfschnepper oder die ekelhaften Thiere, die Blutegel, die man sofort herbeiholen ließ, und welche dem Uebel abhelfen sollten. Aber im Grunde thaten sie nichts anders, als daß sie dem folgsamen Patienten das Beste gerade, was er noch im Leibe hatte, die Lebens Essenz, mit dem Blute abzapften und ihn so, nach öfterer Wiederholung dieses Aktes, erst recht aufs Krankenlager brachten, um hier vollends und unfehlbar von der Schwindsucht aufgerieben zu werden. Noch viel unvernünftiger handelte man vordem in der Verordnung der Aderlässe, die freilich jetzt nur noch in den seltensten Fällen, in Fällen der höchsten Gefahr angerathen, resp. von den herumlaufenden, conzessionirten Blutzapfern vorgenommen werden. Doch, wie man von diesem Unsinne zum Theil zurückgekommen ist und in wenigen Jahren gänzlich geheilt sein wird, so wird jetzt auch jedes andere unsinnige Verfahren in der ärztlichen Praxis aufhören und die Welt einsehen lernen müssen,

»daß es keinen Apotheker-Topf, keine Medizin-Büchse gibt, in welchen ein spezifisches Heilmittel zur Heilung irgend welcher Krankheit enthalten wäre.«-

Wem diese Wahrheit noch nicht einleuchtend ist, dem würden wir den Inhalt des § 7 dieses Buches erwähnten »Zauberdüppens« unter die Nase halten und anderseits durch die unbestreitbarsten Fakta ihn überführen müssen, daß eine neue, wahrhafte Heilmethode sich nunmehr Bahn gebrochen und durch die eminentesten Kuren bewiesen hat, daß sie, über alle Apothekerstoffe erhaben, nicht nur in den leichten Krankheitsfällen, sondern auch in den schweren und sogar in vielen, von der medizinischen Wissenschaft bisher für inkurabel gehaltenen Fällen die überraschendsten Heilungs-Resultate geliefert hat.

Es ist dies die auf den vorentwickelten Prinzipien beruhende, durch ein unbedeutendes Alltags-Phänomen vorgebildete, natürliche Heilkunst, der -Baunscheidtismus - oder die Wissenschaft der richtigen Auffassung, Handhabung und Beurtheilung der medizinischen Leistungsfähigkeit eines Instruments, welches unter dem charakteristischen Namen:

C. Der Lebenswecker

in die Welt ging, und, wenn nicht gerade allen, so doch bei weitem den meisten altehrwürdigen Apothekerbüchsen öffentlich und feierlich den Krieg erklärte. - Wodurch aber wurde diese kühne Herausforderung des »Lebensweckers« wohl gerechtfertigt und was ist denn dies für ein sonderbares Instrument?

Dieses verwegene Instrument ist weiter nichts als eine Zusammenstellung feingespitzter Nadeln, welche dazu bestimmt sind, durch ihre Stiche in die Haut (eine fast schmerzlose Operation) künstliche Poren zu erzeugen, durch welche allen, in Folge einer gestörten Hautthätigkeit an den leidenden Stellen des Körpers angehäuften, die Gesundheit tödtenden Krankheitsstoffen ein einfacher und natürlicher Weg zum allmählichen Abzüge (Verflüchtigung) geöffnet wird*[v].

Der Zweck und die hohe Bedeutung des »Lebensweckers« muß daher jedem Unbefangenen*[vi] einleuchten; denn, anstatt daß jene schädlichen, krankmachenden Stoffe bisher durch innerlich gebrauchte ärztliche Heilmittel auf weiten und meist dunkeln Wegen fortgetrieben (fortlaxirt, weggebrochen oder weggeschwemmt) werden sollten, werden die jetzt, unter äußerer Anwendung des »Lebensweckers«, auf einem viel kürzeren, einfacheren und sicheren Wege unmittelbar von da selbst herauszuziehen gesucht, wo sie ihren eigentlichen Sitz toben. - Es fragt sich jetzt nur noch, ob und wann der »Lebenswecker«  das  naturwidrige Zeug der Pharmakopöen, all den stinkenden, beißenden, ätzenden oder kratzenden, giftigen Dreck und Schlamm, von den Lehrstühlen der medizinischen Fakultät verdrängen, und der »Baunscheidtismus« sich in den Ländern des Privilegiums als allein berechtigte Vernunft- und naturgemäße Wissenschaft, die verlorene Gesundheit auf die einfachste Weise in kürzester Frist wieder herzustellen, emanzipiren werde? - Nicht viel Gutes stand anfangs in beiden Beziehungen der neuen Heillehre in Aussicht. Der größte Theil der in ihrem Broderwerb bedrohten Aerzte und Apotheker drohte ernstlich Front zu machen gegen den »Lebenswecker« und bemühte sich aus Leibeskräften, ihre auf verjährten Wahnglauben fußenden Einnahme-Quellen in  Fluß zu erhalten.

Hörte man doch von diesen nobeln Herren vielseitig den Einwurf: daß die Erfindung nicht neu, daß sie vielmehr in der Akupunktur*[vii] schon lange vorhanden gewesen sei u.dgl.m.*[viii] - aber nicht die Akupunktur, sondern die Mücke, die scheinbar bösartige, aber gewiß sehr wohlmeinende Mücke, gab Veranlassung zur

 

Erfindung des Lebensweckers

 

Eines Tages nämlich, als der Erfinder, der eben auch an einem rheumatischen Handübel litt, unbe­schäftigt in seinem Zimmer saß und die Hand auf den Tisch hingelegt hatte, kamen einige Mücken zugleich auf ihn heran, um sich auf der kranken Hand dreist niederzulassen. Weil sie sich gar nicht wollten abwehren lassen, so ließ er sie in ihrer Zudringlichkeit gewähren. Die Mücken aber stachen. Doch kaum hatten Sie ihren zudringlichen Dienst verrichtet, als auch eine fast plötzliche Veränderung der kranken Hand vor sich ging. Mit den Mücken war der Schmerz wie fast weggeflogen, und einem aufmerksamen Beobachter der Natur konnte nicht lange zweifelhaft bleiben, was diese Veränderung zu Wege gebracht habe. Die Mücke lehrte ihn also das Geheimniß:

wie auf eine ganz einfache und natürliche Weise die eingefangenen Krankheitsstoffe ohne allen Blutverlust aus dem leidenden Theile des Körpers herausgezogen und abgeleitet werden könnten.

Durch die Stiche in die Haut entstanden nämlich Oeffnungen, die eben groß genug und geeignet waren, der feinen, flüchtigen aber krankmachenden Substanz unter der Haut zum Auszuge Platz zu machen. Diese Oeffnungen waren zugleich klein genug, um das Blut in seinem Kreislaufe nicht zu alteriren, sondern dasselbe vielmehr ungestört, ganz und ungetheilt zu belassen, wo es war; - diese kleinen Oeffnungen waren aber groß genug, um die feinsten Blutgefäße mit außerordentlich engen Maschen zu durchbohren, wodurch dem kranken Organismus eine Kraft geliehen wird, krankhafte Ablagerungen zu beseitigen; dieser Reiz dient; wie dem Fuhrmann die Peitsche. Kurze Zeit, nachdem das Einschnellen der Nadeln durch die Haut erfolgte, zieht sich dieselbe zusammen und es ragen Knötchen hervor, welche das Aussehen der sogenannten Gänsehaut haben. Nach Beseitigung der Knötchen zeigen sich diese als hellrothe Sugillationen.

Feingespitzte Nadeln in größerer Anzahl zusammenzustellen, und diese Nadeln mittels einer mechanischen Vorrichtung in die Haut einzuschnellen, um dadurch künstliche Mückenstiche, künstliche Poren, d.h. künstliche Abzugswege zu erzeugen, resp. zu eröffnen*[ix] - dies war nun der vom Erfinder zunächst verfolgte Gedanke, und so entstand für die neue Heilmethode das kleine Instrument, welches unter dem Namen »Lebenswecker« bereits bekannt geworden ist. Der Mücke für ihr ausgezeichnetes Verdienst ein Monument zu setzen, wäre deshalb auch wohl an seiner Stelle.

Aber die gelehrten Herren werden es ungern aufkommen lassen, daß die Mücke zur Erfindung des »Lebensweckers« Veranlassung gewesen; sie werden sich vielmehr fest an ihrer Acupunktur halten, um doch wenigstens die Neuheit der Sache in ein zweifelhaftes Licht zu stellen. Sie werden überhaupt dem Eingange der Methode so viele Hindernisse als möglich entgegenstellen, denn es handelt sich allerdings um einen guten Theil ihres leidigen Brodverdienstes. So hatte man es früher mit vielen ändern Einrichtungen, z.B. mit der Erfindung der Pocken-Impfung durch Dr. Jenner, mit welcher zuerst Landpfarrer und Dorfschullehrer den Anfang machen mußten, ebenfalls gemacht. Aber mögen sie beginnen und treiben, was sie wollen, sie werden die Einführung der neuen Heilmethode nicht hintertreiben können, aus dem einfachen Grunde, weil sie bereits eingeführt ist. Der »Lebenswecker« arbeitet bereits in ganz Deutschland, in Frankreich, England, Rußland, in Amerika, Australien und selbst bei dem afrikanischen Neger ist der »Baunscheidtismus« als die sicherste und zweckmäßigste aller Heilmethoden anerkannt.

Es ist also nicht daran zu zweifeln, daß die Erfindung, wenn auch nicht gleich überall, so doch all-mählig in der Welt Eingang und Aufnahme finden werde. Denn alles Neue, welches schon von vornherein als ächt in die Augen springt, das sich also durch sich selbst empfiehlt, kann zwar durch den Eigennutz gewinnsüchtiger Leute eine Zeitlang in seinem Fortgange gestört, nie aber unterdrückt werden, und es muß endlich auch bleibend in's Leben treten. Die Aerzte haben der Sache aber um so mehr Schwierigkeiten in den Weg gelegt, weil sie von einem Laien, und nicht einmal von einem ehrenwerten, wohlstudirten und promovirten Herrn Collegen ausgegangen ist. Man sollte zwar erwarten, daß sie der leidenden Menschheit zulieb das alberne Vorurtheil, als könne nur von den gelehrten Collegen etwas Gutes kommen, doch endlich einmal fallen lassen würden. Doch nein, statt der gesunden Idee eines Laien zu huldigen und sie in ihre Praxis aufzunehmen, gehen sie lieber noch in die Wildniß und lauschen dem unvernünftigen Nielpferd das schreckliche Geheimniß ab, wie man in wenigen Minuten des Besten, das man noch im Körper hat, auf immer los werden kann! - So ist denn Vieles in die Wissenschaft eingebracht worden, das, ohne positiven Werth, sich vor dem gesunden Verstande nicht rechtfertigen läßt. Mit der Wissenschaft und ihren Vertretern siehts daher heutigen Tages in vielen Beziehungen leider »schofel« aus. Eine Masse unnützen Zeugs ist zusammengestoppelt. Die alten Theoretiker entbehren nun nicht gern etwas von dem Quark, der durch Gewohnheit liebgewonnen ist. Wenn sie aber auch alles Unnütze, Fasel- und Fabelhafte abgeben müßten, so würden sie am Ende wenig behalten, und der Nimbus der Gelehrsamkeit würde in den Augen des Gewöhnlichen, Einfältigen zusammenstürzen. Zudem müssen aber auch die jungen Gelehrten, wenn sie das gelehrte Examen glücklich passiren wollen, vorher zehn bis zwölf Jahre lang lateinische und griechische Namen nachkauen, damit in Zukunft das Heiligthum der Kaste nur ja nicht an den Laien verrathen werde. Doch die deutsche Gelehrsamkeit kommt mir oft vor, wie ein vergoldeter Rahmen ohne Gemälde: die Jugend verplempert häufig ihre Blüthezeit mit lateinischen und griechischen Floskeln, nicht aus Neigung, nur weil es Vorschrift ist, und die Mathematik bleibt in ihrer todten Theorie stecken, ohne daß es im Allgemeinen Lehrer gäbe, die diese hochwichtige Wissenschaft auf die Praxis auszudehnen verständen. Ich würde nimmer einen Lebenswecker erfunden haben, hätte ich mich nicht von den starren Formen des alten Schulzwanges noch bei Zeiten loszuschälen gewußt! - Warum, sollte man aber eigentlich fragen dürfen, schätzen denn die gelehrten Herren Mediziner Alles, was von dem Laien ausgeht, so gering und werthlos? - War denn Hippokrates, der Aerzte Meister, nicht auch ein Laie? Oder gab es damals, wo er als erster Heilkünstler der Welt auftrat, auch schon Doktoren und Professoren, von denen er allenfalls hätte lernen können, wie man promoviren müsse, um von ändern Gelehrten gebührend geachtet zu werden? - Doch nein, man ehrt nur deshalb den großen Mann, weil er von seinen Zeitgenossen und spätem Nachfolgern geehrt worden, und jetzt noch besonders deshalb, weil sein Name so gelehrt klingt; vielleicht aber am meisten noch, weil er nicht im Vaterlande geboren ward, wo ja nun einmal der Prophet Nichts gilt. Fragt man indeß, warum Hippokrates von seinen verständigen Zeitgenossen so hochgeehrt worden ist, so wird die eigentliche Antwort die sein: daß er zwar nicht in fremden Sprachen herumgewühlt, noch an irgend welcher Fakultät promovirt, sein ganzes Verdienst aber nur darin bestanden habe, daß er Wissen mit praktischer Erfahrung vereinigte. Denn nur Beides zusammen kann den wahrhaft großen Mann gebildet haben, wie Beides zusammen vereint nur wahre und ächte Resultate liefern kann. Was kann mir alles Wissen helfen, was alle vorzeitige Ideen zusammengepfropft im Kopfe, wenn ich selbst nicht denke? - Daher kommt es denn auch hauptsächlich, daß man so vielerlei Mittel hat, die den Einen angeblich retten, während sie den Andern geradezu umbringen. Der Arzt nämlich, der weiter nicht denkt, fühlt nicht in der Seele die Krankheit seines Patienten.

Der Unterschied zwischen der Heilung durch den Baunscheidtismus und einer Heilung nach altem Styl besteht aber einfach darin: daß der Krankheitsstoff durch erstem rein ausgetrieben wird - worauf nur Gesundheit übrig bleiben kann während er bei letzterer nur im Körper vertheilt, häufig in denselben hineingejagt wird. -

Durch den »Lebenswecker« wird die Natur gleichsam nur angestoßen und hilft sich dann im Uebrigen selbst, während die Apothekerstoffe derselben schnurgerade entgegenwirken, sie anekeln.-

Zur weiteren Belehrung aber diene dies: Die Haut ist unzweifelhaft eines der wichtigsten Organe, ihre Funktion merkwürdig. Sogar die weichen Theile der Insekten werden blos durch die starke Haut oder den Panzer zusammengehalten, womit sie bedekt sind. Sehen wir uns im Pflanzenreiche um, so werden wir finden, daß die Rinde des Baumes in Rücksicht seines gesunden Fortlebens der wichtigste Bestandtheil desselben ist. So lange die Rinde des Eichbaums noch unverletzt ist, treibt er Knospen und Blätter, mag auch das Herz selbst schon morsch geworden sein. Ist aber die Rinde verletzt, so stirbt der Baum zusehends ab - und gerade so verhält es sich mit unserer Haut, die uns das ist, was die Rinde dem Baume*[x].

Jeder Naturforscher weiß dies, und doch denkt selten Einer weiter darüber nach; am wenigsten aber oft die Aerzte, obgleich diesen merkwürdig genug, das Privilegium zu heilen und zugleich zu tödten zusteht. Aber trotz oder auch wegen ihrer Privilegien schenkt ihnen doch das Publikum kein rechtes Vertrauen mehr. Wie griff man z.B. vor einigen Jahren so hastig nach den sogenannten elektro-magnetischen Rheumatismus-Ketten? Wenngleich dieselben gegenwärtig verschollen und vergessen sind, so kommen wir hier dennoch mit ein paar Worten auf sie zurück, weil sie einen schönen Beleg zu dem medizinischen Charlatanismus enthalten, der namentlich in dem letzten Decennium wieder unter so mancherlei Gestalten und Anpreisungen von allerlei Arcanen vor das Publikum getreten. - Waren jene Ketten auch durch weiter nichts, als durch einige sehr zweifelhafte Kuren empfohlen, so griff man dennoch nach ihnen, weil man dachte, sie könnten doch wohl nicht mehr schaden*[xi] und auch nicht mehr kosten, als eine ekelhafte Arznei aus der Apotheke, die ja auch meist nichts nützt. Allein wie Prof. Liebig in seinen Annalen der Chemie und Physik, Bd. 73, nachweist, enthalten diese Ketten gar keinen Elektro-Magnetismus. Wäre dies aber dennoch der Fall, so möchten wir doch gerne wissen, inwiefern dieselben im Stande wären, zu heilen, da ja Elektrizität (Magnetismus, Galvanismus, Charlatanismus etc.) wohl für den Augenblick, wie Kaffee, Brandwein usw. erregend auf den menschlichen Körper einzuwirken fähig ist, auf die Dauer aber die Lebenskraft nothwendig abstumpft und sie sogar gänzlich zerstören kann. Dies sehen wir ja ganz deutlich zur Zeit eines Gewitters, wo die Luft mit einer specifischen elektrischen Materie angefüllt und geschwängert ist. Wir empfinden, wenn dieser Zustand zu lange dauert und nicht bald durch den Niederschlag des Regens geändert wird, eine so große Unbehaglichkeit in unserm Körper, daß wir in eine sehr gedrückte niedergeschlagene Stimmung versetzt sind. Von diesem seltsamen Heilverfahren wollen wir also nicht weiter sprechen, sondern wieder auf den »Baunscheidtismus« zurückkommen.

 

Hauptgrundsätze desselben sind folgende:

 

  1. So leicht es ist, krank zu werden, eben so leicht muß es auch sein, wieder gesund zu werden, insofern  nicht das Alter mit seiner natürlichen Schwäche entgegenwirkt.
  2. Kann eine Methode, welche sie auch sei, einen Menschen unter fünfzig Jahren, oder der sonst noch in voller Lebenskraft steht, nicht heilen, so ist sie gewiß auch keine wahre Heilmethode und nichts werth.
  3. Der Lebenswecker birgt weit mehr Heilkräfte in sich, als alle gelehrten (weil für den Laien unleserlichen) Recepte und Apotheker-Gebräue zusammengenommen. Er repräsentirt für sich allein die vollständigste Apotheke, indem er erwärmend, belebend, ableitend, reizend, den Blutumlauf regelnd, und vor Allem in solchen Fällen augenblicklich helfend wirkt, wo die seitherige medizinische Wissenschaft rathlos am Wendepunkt ihrer Kunst stand.
  4. In den kritischen Fällen, z.B. Schlagfluß, Darmgicht (Colica), Brustentzündung (Pneunomia), Nervenfieber, Cholera u.s.w., wo keine Zeit zum Consultiren, Deliberiren, Diskutiren, Diskouriren, Rezeptiren, Pflasterschmieren und ändern iren übrig bleibt, vielmehr die That augenblicklich zu entscheiden hat, in solchen kritischen Zuständen bewährt sich der »Lebenswecker« vor jeder ändern ärztlichen Beihülfe sofort als - Lebensretter.
  5. Wenn die Wissenschaft noch sucht und streitet, von wo aus im thierischen Körper die individuelle Lebenskraft sich ausdehnt, so ist der Baunscheidtismus hierüber längst im Klaren. Die Nadeln des Lebensweckers führten ihn unwiderstehlich zu dem Rückenmarks-Pole, der das Leben, wie auch die dasselbe bedrohende Krankheiten birgt.
  6. Der Lebenswecker macht, außer den durch die Reinlichkeit gebotenen täglichen Hautwaschungen, alle Bäder überflüssig (vid. sub 3); verschließt mit den vielen Spielhöllen zugleich die kostspieligen Apotheken; zerbricht die Aderlaß- und Schröpf-Messer, weis't dem Arzte, indem er ihn aus seinem mysteriösen Dunkel an's Tageslicht der urtheilenden und prüfenden Kritik hervorzieht, eine seines heiligen Berufes würdige Stellung im Leben an; erzieht, weil er »Herr aller Krämpfe« ist, dem Staate kräftige*[xii] Bürger; verhilft der Wissenschaft zu ihrem Zwecke und erlös't die Menschheit von ihren Uebeln. -

 

 



[i] Diese Operation werde ich sehr gern gratis vollführen, da es nicht mehr als Pflicht ist, seinen Nebenmenschen zu helfen.

 

[ii] Man kann mit Sicherheit annehmen, dass die Haut wie die Lungen ein Athmungsorgan ist.

[iii] Daher strömt aus dem nämlichen Loch warme und kalte Luft; haucht man den Athem mit geöffnetem Munde in die flache Hand aus, so empfindet die Hand Wärme, spitzt man aber den Mund beim Aushauchen, so wird man Kälte verspüren.

[iv] So wie ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert, so leicht und gewiß bringt der kleinste Rheumatismus Gärung (Säuerung) im Körper hervor.

[v] Wenn die Wissenschaft bis heute hin noch nicht mit sich im Reinen sein sollte, ob die Haut Poren oder keine Poren hätte, sondern die Hauptrolle bei der Transpiration die unter der Haut liegenden sogenannten Schweißdrüsen spielen sollten, so muß ich mich mit meiner in der 1. und 2. Auflage meines Werkes über die Erklärung des Baunscheidtismus von vorn herein abgegebenen Definition einstweilen und zum Nutzen und Frommen Aller noch begnügen. Sie heißt wörtlich: »Es ist eine bekannte und von dem Laien wie vom Arzte wohlbegriffene Thatsache, daß der Gesundheitszustand des Menschen eben so sehr von einer steten und am ganzen Leibe regelmäßig vor sich gehenden Ausdünstung abhängt, als er im übrigen von einer vernünftigen Lebensweise abhängig ist. Mag nun diese Ausdünstung durch Poren in der Haut, wie Einige behaupten, zu Wege gebracht werden, oder mag es sein, daß nach Ändern die ausdünstende Materie ihrer unendlichen Feinheit wegen keine besondern Schweißlöcher nöthig hat, - die Hauptsache ist und bleibt immer die, daß fortwährend und regelmäßig ausgedünstet werden muß, wenn der Gesundheitszustand des Menschen ein normaler bleiben, d.h. wenn er in keiner Weise gestört werden soll - u.s.w.« Die alten Egyptier haben, nach Böcker, nicht gefragt: wie geht's? hast du gut geschlafen? sondern: »wie hast du geschwitzt?« »wie ist deine Ausdünstung?«

[vi] Als Beleg hierzu möge das Urtheil, welches sogar einige in ihrem Fache sehr renommirte Aerzte über den Lebenswecker schon bei seiner Erfindung fällten, und vor allem dasjenige, des Herrn Medizinal-Rathes Dr. Rudolph Wurzer in Bonn angeführt werden. Nachdem er nämlich das Instrument sorgfältig untersucht und an seinem eigenen Körper geprüft hatte, rief er aus: »Es ist das Ei des Columbus!« - Und wirklich hätte er das Instrumentchen nicht besser und schöner loben können. - Ein anderer hochgestellter Arzt daselbst, der Herr Geh. Mediz.-Rath Dr. C. W. Wutzer, Direktor der chirurgischen Klinik, (der das Instrument auch im Jahre 1849, im Januar-Hefte der »Rhein. Monatsschr. für prakt. Aerzte« abgebildet und beschrieben hat) äußert sich in anderer Beziehung folgender Maßen: »In einem gelähmten oder irgendwie mit gesunkener Nerventhätigkeit behafteten Gliede wird die Art des Schmerzes kaum wahrgenommen, und wo die Nervenstimmung eine normale ist, bleibt er wenigstens unbedeutend.« Er geht sodann zur Aufzählung derjenigen Krankheitsfälle über, in welchen sich das Instrument besonders bewährt hat. Außer dem Kreisphysikus Herrn Dr. Böcker sind aber auch alle übrigen intelligenten und unbefangenen Aerzte unserer Universitäts-Stadt dem »Baunscheidtismus« in würdiger Weise zugethan, was ebenfalls von einer Menge hellblikkender und wahrheitsliebender auswärtiger Aerzte gilt.

[vii] Unter Acupunktur versteht man eine chirurgische Operation, bei welcher zwei bis drei Zoll lange Nadeln (Acupunkturnadeln) in das Fleisch hineingedreht oder bis in den Knochen hineingeklopft werden, wo sie 8 bis 10 Tage oder so lange stecken bleiben, bis sie durch die entstehende Entzündung von selbst herausschwären. Gewöhnlich wurden eine, zwei bis fünf Nadeln angewandt; ihr Gebrauch ward aber beim Menschen zu schinderhaft befunden, weshalb ihre Anwendung gleich mit ihrem Entstehen nur in die Thierheilkunst aufgenommen wurde. Dieses jedem Laien zur Verständigung und Aufklärung, um jedem blödsinnigen Arzte, der etwa ferner noch jenen Ausdruck in einer den Baunscheidtismus profanirenden Weise sich erlauben sollte, etwas Schlagendes entgegnen zu können.

[viii] Jetzt aber sind gar viele Fälle nachzuweisen, dass der Lebenswecker selbst Aerzten Lebensretter geworden ist.

[ix] Privilegirt wissenschaftlich würde dieser Akt etwa so definirt werden: Untersucht man ein Stück Haut mit Hülfe des Mikroskops, so findet man perforirte Oeffnungen nicht darin; dennoch scheiden durch das Gefäßsystem sich fortbildende Flüssigkeiten aus, bald in tropfbarer, bald in dunstförmiger Gestalt. Durch die Ernährungsflüssigkeit werden alle Zwischen-Spalten-Räume zwischen den verschiedenen Elementartheilen ausgefüllt und dieses ist die erste Bedingung einer fortwährenden Umbildung der Stoffe und also des Lebens. Deshalb wird auch eine Bildungsflüssigkeit aus dem Blute fortwährend in ihrer Eigenthümlichkeit neu erzeugt und mittels des Kreislaufes in Folge von Exhibition oder Exosmose und Endosmose allen Parenchymen zugeführt, die früheren dagegen durch Lymphgefäße und Venen hinweggeschafft; sie ist also in stetem Wechsel begriffen.

[x] Ich erinnere hier an die bekannte, sprüchwörtliche Redensart: »Er steckt in keiner guten Haut!« - Jeder weiß, wie diese tief durchdachte Redensart zu verstehen ist.

[xi] Schaden konnten solche und ähnliche gepriesene Sächelchen nur insofern, als der Patient dadurch in der eigentlichen Heilung aufgehalten wurde.

[xii] Es ist bekannt, dass gewöhnlich die kräftigsten Kinder bisher von den Krämpfen hinweggerafft wurden.

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