Der Baunscheidtismus
Vorwort zur zweiten und dritten Auflage
Vor wenigen Jahren fühlte ich mich veranlaßt, die
Aufmerksamkeit der Herren Ärzte auf eine von mir erfundene neue Heilmethode zu lenken.
Unerachtet mir nun von vielen Seiten die größten Schwierigkeiten in den Weg
gelegt wurden, hat sich dennoch diese Erfindung durch vielfältige Praxis so
bewährt, daß sie sich die Bewunderung mehrerer hochstehender Mediziner erwarb,
welche erhaben waren über die Vorurteile eines Zeitalters, in welchem man mehr unnütze Brocken aus vermoderten und
bestaubten Folianten, als praktische Kenntnis des menschlichen Körpers von der
medizinischen Welt verlangt. Vergleicht man die große Zahl der heut zu Tage practizirenden
Ärzte mit der Anzahl von Patienten, welche ihr Leben leider in zerrütteter
Gesundheit dahin schleppen, so kann man sicher das frühe Ableben unserer
jetzigen Generation der Unwissenheit der Herren Mediziner in unendlich vielen
Fällen zuschreiben: eine Behauptung, die jedem Vernünftigen sehr natürlich
erscheinen wird.
Zwar werden hierauf einige der Ärzte ausweichend antworten: Es
sei ihnen bis jetzt noch nicht vergönnt, in die Mysterien der menschlichen
Natur hineinzublicken. In diesem Falle würde jedoch jeder denkende Mensch wohl
erwidern: Können wir doch auf dem Felde anderer Wissenschaften uns
vervollkommnen; hat uns doch die Vorsehung erlaubt, die Hindernisse der
Entfernung durch Telegraphen und Dampfmaschinen zu bewältigen; können wir doch
durch unsere Fernröhre die am Firmamente sich belegenden Sonnen und Monde
beobachten; ist doch sogar das Leben der Pflanzen unsern Beobachtungen nicht
ausgeschlossen; und sollte die Medizin, diese Wissenschaft, wobei es sich um
Leben und Tod des Menschen, um Sein und Nichtsein der ganzen Existenz handelt,
die einzige sein, worin uns die Aufklärung und der Fortschritt vorenthalten
wären? - Nein, das ist sie nicht, und möge auch die hochlöbliche medizinische
Fakultät in ihrer unendlichen Gelehrsamkeit gegen solche Behauptung sich
Stäuben, so kann sie dennoch, wie die vielfach angewandten Kuren des
»Lebensweckers« beweisen, dem Fortschritte des Geistes heut zu Tage keine
Bücher-Barrikaden in den Weg legen.
Es beschränkt sich in unserm Zeitalter der Geist der Neuerung
und des Forschens nicht auf ein einzeln abgegrenztes Feld; er reißt vielmehr
die Schranken der Allerthumskrämerei nieder und schwingt sich, frei von
Vorurtheilen, über die Ruinen alter, aus dem Lateinischen und Griechischen
zusammengeerbter Systeme empor, um in dem ungemessenen Felde der subjectiven,
freien Forschung der Natur die Wege abzulauschen, die sie nach ewigen,
unwandelbaren Gesetzen bei ihren vitalistischen Schöpfungen und Verwandlungen
strenge beachtet; denn unsern Nebenmenschen practisch zu nützen, nicht das
Leben derselben den bisherigen, so oft fehlschlagenden, ärztlichen Versuchen
auch fortan noch hinzuopfern, oder gar durch grobe Mißgriffe die
Leichtgläubigkeit den beutegierigen Händen betrügerischer Wunderschäfer,
gewinnsüchtiger Quacksalber und den phantasmagorischen Feilbietern mysteriöser
Amulete, als galvanomagnetischer Rheumatismusketten, mirakulöser Bilder etc.
etc. zu überantworten, oder mit der Revalenta arabica etc. ihnen Brei um's Maul
zu schmieren, - dieses ist der wahre Zweck der ursprünglichen medizinischen
Wissenschaft. Und das ist ein großer, ein schöner Zweck!
Bedenkt man nun, wie
so mancher Mensch in seinen besten Lebensjahren als Opfer einer falschen
Behandlung ins Grab sinkt, so ist man versucht, die Erfüllung des wichtigen
Berufs der Mediziner in bescheidenen Zweifel zu ziehen. Oder soll man fernerhin
noch Tausende von Menschenleben hinopfern, um vielleicht in zukünftigen Jahren
Ein Menschenleben zu retten? - Soll noch fernerhin einer Heilkunst Weihrauch
gestreut werden, deren höchste Vollendung in Section, Zerstückelung
menschlicher Cadaver, in der Kenntniß lateinischer und griechischer Namen und
in der Virtuosität bestand, die größte Mannigfaltigkeit und Auswahl bei
Rezeptirungen von Sachen zur Hand zu haben, die so häufig das Gegentheil von
dem bewirken, was sie eigentlich leisten sollten? - Nein, nur die Heilmethode,
welche sich fest und sicher auf die unumstößlichen Gesetze der Natur begründet
und stützt, kann die richtige sein, und diese feste Grundlage ist es eben,
welche wir bei den bis jetzt bestehenden medizinischen Systemen so sehr
vermissen.
Wenn es früher meine
Absicht gewesen (wie in der Vorrede zur ersten Auflage angegeben), die
wohlthätige Wirkung des »Lebensweckers« auf Augenkrankheiten durch eine
besondere Broschüre zu beweisen, so muß ich jedoch leider mit dieser Aufgabe
noch so lange warten, bis es gelungen sein wird, unseren Herren Medizinern die
Geistesaugen zu öffnen, ein Zeitpunkt, der sicherlich nicht mehr fern sein dürfte*[i].
Übrigens geht diese
Druckschrift in die Welt, um die wohlmeinende Absicht des Verfassers zu
erfüllen, nicht ihren Gegnern zu schaden, sondern aufzuklären und Gutes zu
thun, und der Wissenschaft zu ihrem Zwecke zu verhelfen, welcher kein anderer
ist, als Aufklärung des Menschengeschlechts. Und erst dann wird mein neues
Heilverfahren seinen unaussprechlich hohen, allgemeinen Nutzen erreichen, wenn
die jungen Mediciner, wie es der heilige Zweck bedingt, angewiesen werden, den
Geist der Erfindung bei dem Autor selbst in einem kleinen Cursus praktisch
kennen zu lernen; denn was würde z. B. selbst das beste Musik Instrument in der
Hand des Unkundigen sein?
Sowie die erste
Auflage als Eckstein, die zweite als der Rohbau meiner neuen Heillehre gelten
kann, möge diese vorliegende, sehr bereicherte dritte Auflage von Freund und
Feind als noch haltbarerer Fortbau anzusehen sein.
Zu wünschen wäre noch,
daß einzeln vorgekommene Fälle, da man die Requisition des Lebensweckers gerade
bis auf den letzten Lebensaugenblick des Patienten und bis zu der Erklärung des
Arztes hinausschob, »daß nun nichts mehr zu machen sei« - in der Folge ganz
wegfielen; die Patienten waren nämlich in den bezüglichen Fällen schon
gestorben, als der Lebenswecker ankam, und da müßte natürlich das Instrument ein Todtenwecker
sein, wenn sein Gebrauch noch wünschenswerth erscheinen könnte, es sei denn,
daß man dasselbe (siehe Seite 63) als Todesprobe benutzen wollte.
Schließlich fühlt sich
der Verfasser verpflichtet, seinen tiefgefühlten Dank allen Denen abzustatten,
welche sein Streben, der ganzen Menschheit wahrhaft nützlich zu sein, erkannt
und für die Verbreitung dieser segensvollen Heilmethode so viel gethan haben,
sowie er auch nicht unterlassen kann zu bemerken, daß er die ihm gegebenen
schätzbaren ärztlichen Winke wiederum mit dem größten Danke angenommen und nach Möglichkeit benutzt habe.
Dem Ganzen gebe ich
einen Geleitsbrief in die Öffentlichkeit mit hinaus, nämlich ein Circular an alle in- und ausländischen Regierungen.
Endenich bei Bonn, den
15. April 1855.
Der Verfasser
Das Leben und sein Zweck
Einleitung
»Liegt doch in
Sonnenklarheit
Das Wort auf Wald und Flur:
Es gibt nur eine Wahrheit-
Und das bist du - Natur.«
Welch eine Welt von
Gedanken liegt in dem Worte »Leben«. Der Streit sich widerstrebender Leidenschaften;
die ewig mit einander kämpfenden Geschicke; das rastlose Streben nach einer nie
zu erlangenden Erkenntniß; diese und der Gefühle noch Tausende mehr, tragen
dazu bei, die unendliche, sich stets mehrende Zahl von Ideen anzuschwellen,
welche in dem einzigen Worte »Leben« liegt. Schmiegt sich doch Alles auf Erden
dem Lebensprinzipe an. Die Blume neigt sich liebend
dem Leben gebenden Lichte entgegen; die Nachtigall begrüßt freudig den lebenbringenden
Lenz; der Strom fallt freudiger dem Meere zu, wenn er sich von der
Todeserstarrung der Eisdecke befreit hat; - und der Mensch - o wer, und mag er
auch noch so sehr zur Ertenntniß der schwarzen Seiten des Lebens gelangt sein,
wer würde sich gerne von diesem Erdenleben trennen? Gewiß Niemand! Denn wo
nicht selbstverschuldete oder fremde Ursachen eine traurge Abnormität bildeten,
da jauchzet Alles in Gottes herrlicher Schöpfung triumphirend dem Leben
entgegen, und schaudert furchtsam zurück vor dem Schreckbilde des Todes. - Nur
der finstere Misanthrop, der, indem er die ganze Welt in ein Kloster sperren
möchte, dadurch der Regenerirung den Weg verschließen und den kolossalsten
Mord, den Todtschlag der ganzen Menschheit, auf seine fühllose Seele laden
würde; dessen Ideenkreis sich in unerforschliche, weil für die Sinnenwerkzeuge
des Erdenmenschen unerreichbare Metaphern versteigt, während er die liebende
Mutter, aus deren Schooße er hervorging, die seine Wege überall mit den, zu
seinem Bestehen, wie zu seinem Vergnügen ersprießlichen Erzeugnissen bestreute
-- die ihn endlich an seinem Lebensabende mit gleicher Innigkeit wieder
aufnimmt, kaum dem Namen nach kennen gelernt hat - nur er allein vermag es,
sich das Leben als eine qualvolle, der geistigen Seligkeit hinderliche Last,
die Erde als ein Jammerthal vorzustellen, in welchem Armuth, Mangel, Krankheit,
Leiden aller Art, jawohl gar die widersinnigste Mißhandlung des eigenen Körpers
(Kasteiung Flagellation) verdienstliche Werke und vollendete Weisheit seien.
Überall,
in Wald und Flur im Wasser wie im Himmelsäther, hat die gütige Mutter Natur,
alle ihre Kinder mit gleicher Liebe umfassend ihre erfreuenden Wohlthaten für
den Menschen aufgehäuft. Der Samojede, des eisigen Nordpols armes Kind der
Anachoret in dürrer Wüste, erfreuen sich, wie der Bewohner des üppigen Südens,
an Sonnenschein und Regen und genießen dankbar die Gaben einer unendlichen, schrankenlosen
Liebe, die nicht müde wird, durch zahllose, miriadenmal verzweigte Kanäle, aus
ihrem unerschöpflichen Borne Lebensfreuden und Leben in's Leben hinein zu
pulsen. Als der Mensch noch auf der ersten Stufe der Gesittung stand, und kein
anderes Gesetz als dasjenige kannte, welches der Schöpfer auf jedes Blatt am
Baume auf jedes Gräschen der Wiese geschrieben hatte als die Befriedigung der
unerläßlichsten Bedürfnisse den ganzen Kreis seiner physischen Wünsche
beschloß; als er mit Einem Worte der Natur noch am nächsten stand: da trotzte
der markige Körper Jahrhunderte hindurch allen Einflüssen der Natur, deren Kind
und Schüler er war. Jahrtausende aber waren erforderlich, den natürlichen,
gesunden Sinn des Menschen in Labyrinthe zu verleiten, wo er, seinem
glücklichen Urstande entrückt, durch Feinschmekkerei verweichlicht, durch
Sinnenrausch und Frühreife entnervt, ein schwaches, willenloses Werkzeug in den
Händen einzelner Egoisten werden sollte. So wurde die Menschheit, wie das Leben
des Individuums, systematisch jenem traurigen Siechthume entgegengeführt,
welches die angestammte Geistesfrische durch Gewissenszwang tödtet, das
ursprüngliche, kraftvolle Körperleben aber durch ein zahlloses Heer von
Krankheiten und Widerwärtigkeiten aller Art dahinmordet.
So kam es
denn, daß sich uns bei näherer Betrachtung das jetzige Leben der Individuen als
ein flüchtiger Schatten darstellt, der auf eine Handvoll Jahre beschränkt ist,
die theils in vereitelten Hoffnungen, theils in kümmerlicher Gesundheit oder in
fruchtlos verschwendeten Kräften dahin geschleppt werden.
Krankheit zerrüttet die Kraft des menschlichen Körpers und
wirkt störend auf den menschlichen Geist Alle Fähigkeit, die uns umgebenden
Freuden in uns aufzunehmen, verschwindet, und die Natur, jene unerschöpfliche
Quelle so vieler Genüsse, wird ein Tempel voll Todten-Altäre, auf denen nicht
mehr die Flamme der Liebe und Begeisterung brennt; das Auge, der Spiegel der
Seele, blickt matt und gedankenlos um sich her, und vermißt in der Schöpfung
jene Lebensfülle, welche gerade in den Augen des denkenden Menschen derselben
so viel Werth verleiht. Und so verliert der Mensch, dessen Forschungsgeiste
kein wissenschaftliches Feld zu ferne liegt, seine schönsten Kronen: den Durst
nach Wahrheit und die Freude am Leben. Was nützen dem Reichen auf dem
Siechbette seine aufgehäuften Schätze, die er nicht mehr zählen, was fruchten
ihm die ausgesuchtesten Speisen und gewürzigsten Weine, die er nicht mehr
genießen kann? - Die Mißgunst vergällt dem Geizigen seine Geldkisten; der
habsüchtige Geist klammert sich an ein Leben der Entbehrung fest, selbst wenn
auch Krankheit ihm die Genüsse des wirklichen nicht verschlossen hält - und die
irregeleitete Phantasie, sich immer tiefer und tiefer verlierend in der
gröbsten Versündigung an der eigenen Existenz, umarmt den Lebens-Überdruß, der
nicht selten das Mordwerkzeug des eigenen Daseins geworden ist.
Doch nicht
allein in der physischen Krankheit, dem eigentlichen Brennpunkte aller
Erdenleiden, beruht die Schattenseite des Erdenlebens: viel häufiger noch sind
es ihre bedingenden Mitursachen, die Unvollkommenheit unserer Einrichtungen,
die zur Fühllosigkeit herabgesunkene Bruderliebe, welche namen- und zahlloses
Erdenelend in's heilige Leben aussäen.
Wie oft
sehen wir den großen Geist, welcher Jahrelang nach einem Ideale strebte, am
Felsen der Verzweiflung scheitern, und mit dem arbeitsamen Manne, der im
Schweiße seines Angesichts die Familie ernährte, als ein Opfer des Mangels
fallen! - Die dem Laster weichende Tugend, die durch Lüge bezwungene Wahrheit,
wie oft treten sie nicht als Hauptfiguren in den tragischen Schauspielen
hervor, die sich im Leben unsern Blicken zeigen! Und wer könnte es läugnen, daß
heut zu Tage oft das Gute durch den Neid, das Schlechtere durch die Gunst des
Privilegiums erhalten wird?...
Der Baunscheidtismus
A. Die Liebe zum Leben
Wenn das
Leben ein so trauriges, durch so unendlich viele Calamitäten getrübtes ist,
warum hängt der Mensch dennoch mit so inniger Liebe an demselben?
Die Lösung dieser Frage könnte bei einigem Nachsinnen aus
den gegebenen Vorausschickungen unschwer zu entnehmen sein. Das Dunkel, welches
uns die Zukunft über unsern Sarg hinaus verhüllt, ist auch wenn wir die tausend
und aber tausend Systeme religiöser Meinungen ganz bei Seite setzen, so
ehrwürdig und schrecklich zugleich, daß auch der blindeste Wahnglaube nicht im
Stande ist, durch einen unbedingten freiwilligen Verzicht auf eine greifbare
Existenz ein Elysium einzutauschen, dessen faktische Inspizirung bisher noch
keinem Sterblichen gestattet worden, dessen Erwerb kein notarieller Kaufact uns
verbriefen kann. Der Egoismus, die dem Menschen angeborne, von seiner Natur
unzertrennliche Habsucht, mit glimpflichem Worten, das Streben nach einer
fortdauernden Glückseligkeit über die irdische Dauer hinaus, stehen zunächst
als Ergebniß der Frage da: wie ist es möglich, wie ist es denkbar, daß ich, Mensch,
ein vernunftbegabtes, geistig-physisches Wesen, aufhören könnte zu sein? -
Diese bejahende Frage, als ursprüngliche Wurzel aller methaphysischen Systeme,
erleidet aber bei diesem vernunftbegabten Wesen einen harten Stoß durch die
andere, negirende Gegenfrage: Wie ist es möglich, wie ist es denkbar, daß es
eine Zeit gab, wo ich, Mensch, mit meinem denkenden Geiste noch gar nicht da
war?
Aus diesen
und ähnlichen, wenn auch noch so verworrenen Schlüssen setzt sich, auch gegen
den stärksten Willen, in dem menschlichen Geiste der Zweifel fest und wird,
wenn auch gegen das Selbstgeständniß, das erste Glied zu der Kette, welche den Menschen an's Leben bindet.
Dem
Zweifel zur Seite geht die Hoffnung, welche den Menschen oft noch unter dem
Henkerbeile das rettende Wort der Gnade erwarten läßt und ihn allenthalben und
in allen Lagen an's Leben bindet. -So leiten Zweifel und Hoffnung den Menschen
durch die Labyrinthe des Lebens, und selbst verlassen und verbannt von seinen
Mitmenschen sucht er sich Entschädigung bei der liebenden Mutter Natur, erfreut
sich am Geflimmer der Sterne, athmet schuldlos und leicht des Himmels
erfrischenden Aether, erquickt sich am Strahle der Alles belebenden Sonne,
trinkt den Balsamduft des beblümten Angers, kühlt den brennenden Gaumen am sprudelnden
Felsenquell und unterhält die Thätigkeit des bellenden Magens mit einfacher
Wurzelkost. Und zu seinen Füßen murmelt ihm der rieselnde Bach, in dem
schattigen Laubdache des Hochwaldes schlagen ihm die gefiederten Sänger, im
erquikkenden Schlafe gaukelt ihm der liebliche Traum: das Leben ist doch schön!
–
So gesellt
sich dem Zweifel und der Hoffnung der Schmeichelton der lachenden Seite des
Lebens bei - und die Liebe zum Leben erfüllt des Menschen ganzes Wesen; die
Liebe zum Leben leitete seinen Sinn zur Aufspähung und Entdeckung der in den
Reichen der Natur verborgenen Kräfte; die Liebe zum Leben bildete den ersten
Mediziner; die Liebe zum Leben fand auch den Baunscheidtismus.
B. Organismus
Der
thierische Organismus, Körper, verdankt seine Entwicklung und Erhaltung der
Aufnahme von Stoffen aus der Natur, welche Stoffe wir Nahrungsmittel nennen.
Das Verdauungs-System bildet aus den Nahrungsmitteln diejenigen Säfte
(Lebensstoffe), welche zur Erhaltung der mannigfachen Gebilde des Körpers
nothwendig sind und welche demselben theils in fester, theils in flüssiger
Masse abgetreten werden. Diejenigen Stoffe, welche als feste Theile sich im
Körper ansetzen, befinden sich wie die nicht verdichteten, vorher in flüssigem,
aufgelöstem Zustande und bilden sich erst dadurch zu festern Massen, daß sie
von den betreffenden Organen angezogen werden, an sie herantreten, sich ihnen
einverleiben, was die Mediziner Assimilation nennen. Während nun so alle Theile und Organe mit neuen
Stoffen getränkt, versorgt werden, sondern sich diejenigen Stoffe wieder ab,
die ihre belebende Essenz verloren, ihre Dienste geleistet haben, um sich auf
ähnliche Weise ebenfalls in aufgelöstem Zustande wieder ab- und ausscheiden zu
lassen. Werden dieselben aber durch irgend welche störende Eindrücke im Körper
zurückgehalten, so treten sie als krankmachende Potenzen in demselben auf und
richten Verheerungen im Organismus an. (Leberkrankheiten, Gallen- und
Blasensteine u. dgl.) -
Die
Arterien, welche in immer feinern Zweigen nach den Organen und Theilen sich
verlieren, führen die zur Assimilation präparirten Stoffe den entsprechenden
Geweben zu oder strömen dieselben in andere Organe aus, in denen sie zur
allmäligen Verwendung des Körpers aufbewahrt bleiben, wie wir dieses bei den
Weiberbrüsten, Hoden u.s.w. finden. - Auf gleiche Weise leiten die Arterien die
Ausscheidungsstoffe, welche sie
durch das Venen- und Lymphgefäß-System erhalten, in solche
Organe, die sie wiederum aus dem Körper entfernen, z. B. durch die Nieren und
die Blase.
Sind nun
solche Organe eingeschlafen, untauglich geworden, ihre Dienste zu verrichten,
so müssen die Produkte und Stoffe, welche sie liefern und erzeugen, sowohl
qualitativ als quantitativ verändert, normwidrig werden. Dasselbe gilt aber
auch, wo
die zarten Innenhäute der Gelenke, der Muskeln, der
Knochen
und der Synovia (Gelenkschmiere) irgend wie verderbt sind.
Nicht nur
durch die Harn- und Lungen-Ausscheidung, sondern auch durch die Hautausdünstung
wird ein großer Theil der Stoffe, die für die Oekonomie des Körpers überflüssig
waren oder wurden, ausgeschieden*[ii].
Die Hautausdünstung (beziehungsweise Schweiß) ist aber an solchen Körperstellen am stärksten,
wo die meisten Arterien sich nach der Haut verzweigen, z.B. an den Gelenken, an
den Händen und Füßen. Die Haut scheidet aber nicht nur reines Wasser, sondern
auch mancherlei andere, subtile Bestandtheile, besonders aber Salze mit aus.
Diese Salztheile, welche in aufgelöstem Zustande durch die Haut treten, schlagen
sich meist als schuppenartige Blättchen oder krankhaft als ein kalkartiger
Grind an der Oberfläche der Haut nieder. Das Letztere ist besonders bei solchen
Individuen der Fall, wo nur wenig oder gar keine Gelenkschmiere in dem
betreffenden Gliede vorhanden war, so daß man bei jeder Bewegung ein gewisses
Knarren vernehmen konnte. Sowie aber der Gesundheitszustand des Menschen neben
einer vernünftigen Lebensweise von einer steten, am ganzen Körper regelmäßig
vor sich gehenden Ausdünstung abhängt, eben so sehr ist derselbe auch bedingt
von der dem lebenden Organismus gegebenen Kraft, auf die äußeren Einflüsse zu
reagiren und solche für sich unschädlich zu machen. Sobald eine schädliche
Potenz auf den Körper einwirkt, sucht derselbe diese zu bewältigen, sie zurückzustoßen,
Häufig ist aber der Körper in der Gesammtheit seiner Systeme hierzu zu schwach,
wo dann wenigstens die stärkeren Theile die Eindrücke zurückweisen, die
schwächeren hingegen unterliegen, erkranken. Das Reaktionsvermögen des Körpers
und der Peripheralhaut insbesondere wird aber bei Kälte-Einwirkung vorzugsweise
erregt. Die Kälte macht alles erstarren, sie wirkt kontrahirend, lähmend, und
hemmt nicht nur das Wachsen der Pflanzen, sondern auch das Gedeihen der
Thierwelt, kurz, sie bringt eine gänzliche Umstimmung der Lebensthätigkeit im
Organismus zu Wege. Je mehr die Kälte aber z.B. als Zugluft*[iii]
konzentrirt ist, um so nachtheiliger sind ihre Wirkungen auf den Organismus,
besonders aber bei erhitztem Körper.
Und so
stellen wir denn, nachdem wir in Vorstehen dem, sowohl der eigenen, als auch
der klaren Anschauungsweise des Herrn Dr. G. F. H. Pfeifer gefolgt sind, allen
den vorangeführten bunten Hypothesen über die Ursachen der Gicht wie des ganzen
flußrheumatischen Krankheits-Gebietes kühn entschlossen die Behauptung
entgegen:
Die
Kälte-Einwirkung, die Erkältung ist der Urgrund des ganzen fluß- und
fieberrheumatischen Krankheits-Gebietes, welches dann wiederum das Fundament zu
den meisten übrigen Krankheiten legt.
Das Wesen
des Rheumatismus, der Gicht, oder welche Namen man diesen Zuständen sonst
beilegen möge, darf daher nicht in irgend einer krankhaften Materie gesucht
werden, durch welche Entzündungen, Destruktionen der Glieder u.s.w. erzeugt würden; wir
müssen es vielmehr in einer Unterbrechung der zweifachen Hautthätigkeit, in
einer Störung der Assimilation und Reproduktion, in einer Umstimmung des
Nervenlebens und der organischen Thätigkeiten suchen. Die Afterprodukte und
Stoffe, welche sich in der Gicht an den Gelenken ausscheiden oder ablagern,
sind nicht als krankmachende Materie, sondern nur als pathische Produkte, als
Folge der unterbrochenen organischen Thätigkeiten zu betrachten. Es versteht
sich von selbst, daß ein krankhaftes Organ auch nur normwidrige Produkte
liefern kann, die dann in der Folge jenen eigenthümlichen, ambulanten
Krankheitsstoff bilden, der durch die Unthätigkeit, Impotenz, der
Peripheralhaut unter der Oberfläche derselben mit Gewalt zurückgehalten wird,
bald hier, bald da seinen Sitz hat, der aber überall, wo er sich niederläßt,
nicht nur die zarten Nerven und die benachbarten Muskeln in eine ungewohnte und
höchst lästige Spannung versetzt, sondern die Einen sogar auf die Dauer lahmen
und die Ändern für immer zerstören oder abtödten kann*[iv].
Die verschiedenartigen Symptome, unter welchen die Gicht auftritt, ändern
nichts am Wesen und Ursprünge derselben, der sich, wie gesagt, immer auf
Erklärung zurückführen läßt. Dieselben brauchen indeß hier nicht weitläufig
erörtert zu werden, da sie aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen im zweiten
Theil sowohl, wie aus den im dritten Theile dieses Werkes folgenden
»Krankenberichten« leicht zu entnehmen sind. Welche Resultate lieferte nun das
seitherige Heilverfahren der gelehrten Herren in all den verschiedenen, mehr
oder minder schmerzlichen Leiden und Krankheiten, die in der gewaltsamen
Zurückhaltung jener feinflüssigen Materie ihren Entstehungsgrund haben, und die
wir im Allgemeinen mit den Worten: »Rheumatismus, rheumatische Fieber« u.s.w.
bezeichnen? - Antwort: Das seitherige Heilverfahren in diesem (wie in den
meisten übrigen) Krankheits-Gebiete war gar kein Heilverfahren.
Denn
abgesehen davon, daß solches Verfahren schon deshalb kein wahres,
durchgreifendes Heilverfahren sein konnte, weil man innerlich mediziniren ließ,
während doch die Krankheit fast äußerlich und zwar unmittelbar unter der
Oberfläche des menschlichen Körpers saß; abgesehen also davon, daß ein solches
System nur ein falsches Verfahren und dieses nie einen günstigen Erfolg
erzeugen konnte, waren im Gegentheile die meisten Patienten nach eingenommener
Medizin erst recht eigentlich eingeschlammt und krank geworden. Und wenn auch
mitunter einmal die Kur einer so vom Arzte selbst hervorgerufenen Krankheit
glückte, so darf dreist angenommen werden, daß dann mehr die starke und
kräftige Natur des Patienten, als die ärztliche Geschicklichkeit geholfen hat.
- Hier gab es kein System, keinen festen Anhaltspunkt: denn der Eine verschrieb
in demselben Krankheitsfalle auf gut Glück hin dieses, der Andere jenes
Remedium, und es ist eine unläugbare Thatsache, daß: wer immer in einer und
derselben Krankheit ein Dutzend Aerzte isolirt konsultirt, auch jedesmal
zwölferlei Rezepte erhält! Kein Wunder, wenn unter so miserablen Umständen der
alten Medizinalia, wo der menschliche Körper, das Leben des Menschen selbst,
den Prüfstein der bunten Rezeptirungen des oft aufs Geradewohl im Finstern
tappenden Arztes hergeben mußte, so Mancher todt gedoktert wurde. Der eine
Patient wurde wohl zuweilen auch etwas besser, wenn der im Finstern tappende
Arzt zufällig einmal Glück in der Wahl seiner Siebensachen gehabt; ein Anderer
besserte sich nicht und wurde auch nicht schlechter, wenn das verordnete
sogenannte Heilmittel weder nützlich noch schädlich gewesen. Die meisten
Patienten aber wünschten sich bald wieder ihr erstes Uebel, ihre ersten
Schmerzen zurück, und wenn dann die eigene Natur des Patienten nicht mehr
auszuhelfen vermochte, so war derselbe auch in der Regel rettungslos verloren.
Hatte z. B. Jemand nur rheumatische Kreuz- oder Rückenschmerzen, so waren es entweder
die Schröpfschnepper oder die ekelhaften Thiere, die Blutegel, die man sofort
herbeiholen ließ, und welche dem Uebel abhelfen sollten. Aber im Grunde thaten
sie nichts anders, als daß sie dem folgsamen Patienten das Beste gerade, was er
noch im Leibe hatte, die Lebens Essenz, mit dem Blute abzapften und ihn so,
nach öfterer Wiederholung dieses Aktes, erst recht aufs Krankenlager brachten,
um hier vollends und unfehlbar von der Schwindsucht aufgerieben zu werden. Noch
viel unvernünftiger handelte man vordem in der Verordnung der Aderlässe, die
freilich jetzt nur noch in den seltensten Fällen, in Fällen der höchsten Gefahr
angerathen, resp. von den herumlaufenden, conzessionirten Blutzapfern
vorgenommen werden. Doch, wie man von diesem Unsinne zum Theil zurückgekommen
ist und in wenigen Jahren gänzlich geheilt sein wird, so wird jetzt auch jedes
andere unsinnige Verfahren in der ärztlichen Praxis aufhören und die Welt
einsehen lernen müssen,
»daß es
keinen Apotheker-Topf, keine Medizin-Büchse gibt, in welchen ein spezifisches Heilmittel zur Heilung irgend welcher Krankheit enthalten
wäre.«-
Wem diese
Wahrheit noch nicht einleuchtend ist, dem würden wir den Inhalt des § 7 dieses
Buches erwähnten »Zauberdüppens« unter die Nase halten und anderseits durch die
unbestreitbarsten Fakta ihn überführen müssen, daß eine neue, wahrhafte Heilmethode sich nunmehr Bahn gebrochen und
durch die eminentesten Kuren bewiesen hat, daß sie, über alle Apothekerstoffe
erhaben, nicht nur in den leichten Krankheitsfällen, sondern auch in den
schweren und sogar in vielen, von der medizinischen Wissenschaft bisher für
inkurabel gehaltenen Fällen die überraschendsten Heilungs-Resultate geliefert
hat.
Es ist
dies die auf den vorentwickelten Prinzipien beruhende, durch ein unbedeutendes
Alltags-Phänomen vorgebildete, natürliche Heilkunst, der -Baunscheidtismus -
oder die Wissenschaft der richtigen Auffassung, Handhabung und Beurtheilung der
medizinischen Leistungsfähigkeit eines Instruments, welches unter dem
charakteristischen Namen:
C. Der Lebenswecker
in die
Welt ging, und, wenn nicht gerade allen, so doch bei weitem den meisten
altehrwürdigen Apothekerbüchsen öffentlich und feierlich den Krieg erklärte. -
Wodurch aber wurde diese kühne Herausforderung des »Lebensweckers« wohl
gerechtfertigt und was ist denn dies für ein sonderbares Instrument?
Dieses
verwegene Instrument ist weiter nichts als eine Zusammenstellung feingespitzter
Nadeln, welche dazu bestimmt sind, durch ihre Stiche in die Haut (eine fast
schmerzlose Operation) künstliche Poren zu erzeugen, durch welche allen, in
Folge einer gestörten Hautthätigkeit an den leidenden Stellen des Körpers
angehäuften, die Gesundheit tödtenden Krankheitsstoffen ein einfacher und
natürlicher Weg zum allmählichen Abzüge (Verflüchtigung) geöffnet
wird*[v].
Der Zweck
und die hohe Bedeutung des »Lebensweckers« muß daher jedem Unbefangenen*[vi]
einleuchten; denn, anstatt daß jene schädlichen, krankmachenden Stoffe bisher
durch innerlich gebrauchte ärztliche Heilmittel auf weiten und meist dunkeln
Wegen fortgetrieben (fortlaxirt, weggebrochen oder weggeschwemmt) werden
sollten, werden die jetzt, unter äußerer Anwendung des »Lebensweckers«, auf
einem viel kürzeren, einfacheren und sicheren Wege unmittelbar von da selbst
herauszuziehen gesucht, wo sie ihren eigentlichen Sitz toben. - Es fragt sich
jetzt nur noch, ob und wann der »Lebenswecker«
das naturwidrige Zeug der
Pharmakopöen, all den stinkenden, beißenden, ätzenden oder kratzenden, giftigen
Dreck und Schlamm, von den Lehrstühlen der medizinischen Fakultät verdrängen,
und der »Baunscheidtismus« sich in den Ländern des Privilegiums als allein
berechtigte Vernunft- und naturgemäße Wissenschaft, die verlorene Gesundheit
auf die einfachste Weise in kürzester Frist wieder herzustellen, emanzipiren
werde? - Nicht viel Gutes stand anfangs in beiden Beziehungen der neuen
Heillehre in Aussicht. Der größte Theil der in ihrem Broderwerb bedrohten
Aerzte und Apotheker drohte ernstlich Front zu machen gegen den »Lebenswecker«
und bemühte sich aus Leibeskräften, ihre auf verjährten Wahnglauben fußenden
Einnahme-Quellen in Fluß zu erhalten.
Hörte man
doch von diesen nobeln Herren vielseitig den Einwurf: daß die Erfindung nicht neu, daß sie vielmehr in der Akupunktur*[vii]
schon lange vorhanden gewesen sei u.dgl.m.*[viii]
- aber nicht die Akupunktur, sondern die Mücke, die scheinbar bösartige, aber
gewiß sehr wohlmeinende Mücke, gab Veranlassung zur
Erfindung des Lebensweckers
Eines
Tages nämlich, als der Erfinder, der eben auch an einem rheumatischen Handübel litt, unbeschäftigt in seinem Zimmer saß und die Hand auf
den Tisch hingelegt hatte, kamen einige Mücken zugleich auf ihn heran, um sich
auf der kranken Hand dreist niederzulassen. Weil sie sich gar nicht wollten
abwehren lassen, so ließ er sie in ihrer Zudringlichkeit gewähren. Die Mücken
aber stachen. Doch kaum hatten Sie ihren zudringlichen Dienst verrichtet, als
auch eine fast plötzliche Veränderung der kranken Hand vor sich ging. Mit den
Mücken war der Schmerz wie fast weggeflogen, und einem aufmerksamen Beobachter
der Natur konnte nicht lange zweifelhaft bleiben, was diese Veränderung zu Wege
gebracht habe. Die Mücke lehrte ihn also das Geheimniß:
wie auf eine ganz einfache und natürliche Weise die
eingefangenen Krankheitsstoffe
ohne allen Blutverlust aus dem leidenden Theile des Körpers herausgezogen und
abgeleitet werden könnten.
Durch die
Stiche in die Haut entstanden nämlich Oeffnungen, die eben groß genug und
geeignet waren, der
feinen, flüchtigen aber krankmachenden Substanz unter der Haut zum Auszuge
Platz zu machen. Diese Oeffnungen waren zugleich klein genug, um das Blut in
seinem Kreislaufe nicht zu alteriren, sondern dasselbe vielmehr ungestört, ganz
und ungetheilt zu belassen, wo es war; - diese kleinen Oeffnungen waren aber
groß genug, um die feinsten Blutgefäße mit außerordentlich engen Maschen zu
durchbohren, wodurch dem kranken Organismus eine Kraft geliehen wird,
krankhafte Ablagerungen zu beseitigen; dieser Reiz dient; wie dem Fuhrmann die
Peitsche. Kurze Zeit, nachdem das Einschnellen der Nadeln durch die Haut
erfolgte, zieht sich dieselbe zusammen und es ragen Knötchen hervor, welche das
Aussehen der sogenannten Gänsehaut haben. Nach Beseitigung der Knötchen zeigen
sich diese als hellrothe Sugillationen.
Feingespitzte
Nadeln in größerer Anzahl zusammenzustellen, und diese Nadeln mittels einer
mechanischen Vorrichtung in die Haut einzuschnellen, um dadurch künstliche
Mückenstiche, künstliche Poren, d.h. künstliche Abzugswege zu erzeugen, resp.
zu eröffnen*[ix] - dies war
nun der vom Erfinder zunächst verfolgte Gedanke, und so entstand für die neue
Heilmethode das kleine Instrument, welches unter dem Namen »Lebenswecker«
bereits bekannt geworden ist. Der Mücke für ihr ausgezeichnetes Verdienst ein
Monument zu setzen, wäre deshalb auch wohl an seiner Stelle.
Aber die
gelehrten Herren werden es ungern aufkommen lassen, daß die Mücke zur Erfindung
des »Lebensweckers« Veranlassung gewesen; sie werden sich vielmehr fest an
ihrer Acupunktur halten, um doch wenigstens die Neuheit der Sache in ein
zweifelhaftes Licht zu stellen. Sie werden überhaupt dem Eingange der Methode
so viele Hindernisse als möglich entgegenstellen, denn es handelt sich
allerdings um einen guten Theil ihres leidigen Brodverdienstes. So hatte man es
früher mit vielen ändern Einrichtungen, z.B. mit der Erfindung der
Pocken-Impfung durch Dr. Jenner, mit welcher zuerst Landpfarrer und
Dorfschullehrer den Anfang machen mußten, ebenfalls gemacht. Aber mögen sie
beginnen und treiben, was sie wollen, sie werden die Einführung der neuen
Heilmethode nicht hintertreiben können, aus dem einfachen Grunde, weil sie
bereits eingeführt ist. Der »Lebenswecker« arbeitet bereits in ganz
Deutschland, in Frankreich, England, Rußland, in Amerika, Australien und selbst
bei dem afrikanischen Neger ist der »Baunscheidtismus« als die sicherste und
zweckmäßigste aller Heilmethoden anerkannt.
Es ist also nicht daran zu zweifeln, daß die Erfindung, wenn
auch nicht gleich überall, so doch all-mählig in der Welt Eingang und Aufnahme
finden werde. Denn alles Neue, welches schon von vornherein als ächt in die
Augen springt, das sich also durch sich selbst empfiehlt, kann zwar durch den
Eigennutz gewinnsüchtiger Leute eine Zeitlang in seinem Fortgange gestört, nie
aber unterdrückt werden, und es muß endlich auch bleibend in's Leben treten.
Die Aerzte haben der Sache aber um so mehr Schwierigkeiten in den Weg gelegt,
weil sie von einem Laien, und nicht einmal von einem ehrenwerten, wohlstudirten
und promovirten Herrn Collegen ausgegangen ist. Man sollte zwar erwarten, daß
sie der leidenden Menschheit zulieb das alberne Vorurtheil, als könne nur von
den gelehrten Collegen etwas Gutes kommen, doch endlich einmal fallen lassen
würden. Doch nein, statt der gesunden Idee eines Laien zu huldigen und sie in
ihre Praxis aufzunehmen, gehen sie lieber noch in die Wildniß und lauschen dem
unvernünftigen Nielpferd das schreckliche Geheimniß ab, wie man in wenigen
Minuten des Besten, das man noch im Körper hat, auf immer los werden kann! - So
ist denn Vieles in die Wissenschaft eingebracht worden, das, ohne positiven
Werth, sich vor dem gesunden Verstande nicht rechtfertigen läßt. Mit der
Wissenschaft und ihren Vertretern siehts daher heutigen Tages in vielen
Beziehungen leider »schofel« aus. Eine Masse unnützen Zeugs ist
zusammengestoppelt. Die alten Theoretiker entbehren nun nicht gern etwas von
dem Quark, der durch Gewohnheit liebgewonnen ist. Wenn sie aber auch alles
Unnütze, Fasel- und Fabelhafte abgeben müßten, so würden sie am Ende wenig
behalten, und der Nimbus der Gelehrsamkeit würde in den Augen des Gewöhnlichen,
Einfältigen zusammenstürzen. Zudem müssen aber auch die jungen Gelehrten, wenn
sie das gelehrte Examen glücklich passiren wollen, vorher zehn bis zwölf Jahre
lang lateinische und griechische Namen nachkauen, damit in Zukunft das
Heiligthum der Kaste nur ja nicht an den Laien verrathen werde. Doch die
deutsche Gelehrsamkeit kommt mir oft vor, wie ein vergoldeter Rahmen ohne
Gemälde: die Jugend verplempert häufig ihre Blüthezeit mit lateinischen und
griechischen Floskeln, nicht aus Neigung, nur weil es Vorschrift ist, und die
Mathematik bleibt in ihrer todten Theorie stecken, ohne daß es im Allgemeinen
Lehrer gäbe, die diese hochwichtige Wissenschaft auf die Praxis auszudehnen
verständen. Ich würde nimmer einen Lebenswecker erfunden haben, hätte ich mich
nicht von den starren Formen des alten Schulzwanges noch bei Zeiten
loszuschälen gewußt! - Warum, sollte man aber eigentlich fragen dürfen,
schätzen denn die gelehrten Herren Mediziner Alles, was von dem Laien ausgeht,
so gering und werthlos? - War denn Hippokrates, der Aerzte Meister, nicht auch
ein Laie? Oder gab es damals, wo er als erster Heilkünstler der Welt auftrat,
auch schon Doktoren und Professoren, von denen er allenfalls hätte lernen
können, wie man promoviren müsse, um von ändern Gelehrten gebührend geachtet zu
werden? - Doch nein, man ehrt nur deshalb den großen Mann, weil er von seinen
Zeitgenossen und spätem Nachfolgern geehrt worden, und jetzt noch besonders
deshalb, weil sein Name so gelehrt klingt; vielleicht aber am meisten noch,
weil er nicht im Vaterlande geboren ward, wo ja nun einmal der Prophet Nichts
gilt. Fragt man indeß, warum Hippokrates von seinen verständigen Zeitgenossen
so hochgeehrt worden ist, so wird die eigentliche Antwort die sein: daß er zwar
nicht in fremden Sprachen herumgewühlt, noch an irgend welcher Fakultät
promovirt, sein ganzes Verdienst aber nur darin bestanden habe, daß er Wissen
mit praktischer Erfahrung vereinigte. Denn nur Beides zusammen kann den
wahrhaft großen Mann gebildet haben, wie Beides zusammen vereint nur wahre und
ächte Resultate liefern kann. Was kann mir alles Wissen helfen, was alle
vorzeitige Ideen zusammengepfropft im Kopfe, wenn ich selbst nicht denke? -
Daher kommt es denn auch hauptsächlich, daß man so vielerlei Mittel hat, die
den Einen angeblich retten, während sie den Andern geradezu umbringen. Der Arzt
nämlich, der weiter nicht denkt, fühlt nicht in der Seele die Krankheit seines
Patienten.
Der
Unterschied zwischen der Heilung durch den Baunscheidtismus und einer Heilung
nach altem Styl besteht aber einfach darin: daß der Krankheitsstoff durch
erstem rein ausgetrieben wird - worauf nur Gesundheit übrig bleiben kann während
er bei letzterer nur im Körper vertheilt, häufig in denselben hineingejagt
wird. -
Durch den
»Lebenswecker« wird die Natur gleichsam nur angestoßen und hilft sich dann im
Uebrigen selbst, während die Apothekerstoffe derselben schnurgerade
entgegenwirken, sie anekeln.-
Zur
weiteren Belehrung aber diene dies: Die Haut ist unzweifelhaft eines der
wichtigsten Organe, ihre Funktion merkwürdig. Sogar die weichen Theile der
Insekten werden blos durch die starke Haut oder den Panzer zusammengehalten, womit
sie bedekt sind. Sehen wir uns im Pflanzenreiche um, so werden wir finden, daß
die Rinde des Baumes in Rücksicht seines gesunden Fortlebens der wichtigste
Bestandtheil desselben ist. So lange die Rinde des Eichbaums noch unverletzt
ist, treibt er Knospen und Blätter, mag auch das Herz selbst schon morsch
geworden sein. Ist aber die Rinde verletzt, so stirbt der Baum zusehends ab -
und gerade so verhält es sich mit unserer Haut, die uns das ist, was die Rinde
dem Baume*[x].
Jeder
Naturforscher weiß dies, und doch denkt selten Einer weiter darüber nach; am
wenigsten aber oft die Aerzte, obgleich diesen merkwürdig genug, das
Privilegium zu heilen und zugleich zu tödten zusteht. Aber trotz oder auch
wegen ihrer Privilegien schenkt ihnen doch das Publikum kein rechtes Vertrauen
mehr. Wie griff man z.B. vor einigen Jahren so hastig nach den sogenannten
elektro-magnetischen Rheumatismus-Ketten? Wenngleich dieselben gegenwärtig
verschollen und vergessen sind, so kommen wir hier dennoch mit ein paar Worten
auf sie zurück, weil sie einen schönen Beleg zu dem medizinischen
Charlatanismus enthalten, der namentlich in dem letzten Decennium wieder unter
so mancherlei Gestalten und Anpreisungen von allerlei Arcanen vor das Publikum
getreten. - Waren jene Ketten auch durch weiter nichts, als durch einige sehr zweifelhafte
Kuren empfohlen, so griff man dennoch nach ihnen, weil man dachte, sie könnten
doch wohl nicht mehr schaden*[xi]
und auch nicht mehr kosten, als eine ekelhafte Arznei aus der Apotheke, die ja
auch meist nichts nützt. Allein wie Prof. Liebig in seinen Annalen der Chemie
und Physik, Bd. 73, nachweist, enthalten diese Ketten gar keinen
Elektro-Magnetismus. Wäre dies aber dennoch der Fall, so möchten wir doch gerne
wissen, inwiefern dieselben im Stande wären, zu heilen, da ja Elektrizität
(Magnetismus, Galvanismus, Charlatanismus etc.) wohl für den Augenblick, wie
Kaffee, Brandwein usw. erregend auf den menschlichen Körper einzuwirken fähig
ist, auf die Dauer aber die Lebenskraft nothwendig abstumpft und sie sogar
gänzlich zerstören kann. Dies sehen wir ja ganz deutlich zur Zeit eines
Gewitters, wo die Luft mit einer specifischen elektrischen Materie angefüllt
und geschwängert ist. Wir empfinden, wenn dieser Zustand zu lange dauert und
nicht bald durch den Niederschlag des Regens geändert wird, eine so große
Unbehaglichkeit in unserm Körper, daß wir in eine sehr gedrückte
niedergeschlagene Stimmung versetzt sind. Von diesem seltsamen Heilverfahren
wollen wir also nicht weiter sprechen, sondern wieder auf den
»Baunscheidtismus« zurückkommen.
Hauptgrundsätze desselben sind folgende:
- So leicht es ist, krank zu werden, eben so leicht muß es auch sein,
wieder gesund zu werden, insofern
nicht das Alter mit seiner natürlichen Schwäche entgegenwirkt.
- Kann
eine Methode, welche sie auch sei, einen Menschen unter fünfzig Jahren,
oder der sonst noch in voller Lebenskraft steht, nicht heilen, so ist sie
gewiß auch keine wahre Heilmethode und nichts werth.
- Der
Lebenswecker birgt weit mehr Heilkräfte in sich, als alle gelehrten (weil
für den Laien unleserlichen) Recepte und Apotheker-Gebräue
zusammengenommen. Er repräsentirt für sich allein die vollständigste
Apotheke, indem er erwärmend, belebend, ableitend, reizend, den Blutumlauf
regelnd, und vor Allem in solchen Fällen augenblicklich helfend wirkt, wo
die seitherige medizinische Wissenschaft rathlos am Wendepunkt ihrer Kunst
stand.
- In
den kritischen Fällen, z.B. Schlagfluß, Darmgicht (Colica),
Brustentzündung (Pneunomia), Nervenfieber, Cholera u.s.w., wo keine Zeit
zum Consultiren, Deliberiren, Diskutiren, Diskouriren, Rezeptiren,
Pflasterschmieren und ändern iren übrig bleibt, vielmehr die That
augenblicklich zu entscheiden hat, in solchen kritischen Zuständen bewährt
sich der »Lebenswecker« vor jeder ändern ärztlichen Beihülfe sofort als -
Lebensretter.
- Wenn die Wissenschaft noch sucht und streitet, von wo aus im
thierischen Körper die individuelle Lebenskraft sich ausdehnt, so ist der
Baunscheidtismus hierüber längst im Klaren. Die Nadeln des Lebensweckers
führten ihn unwiderstehlich zu dem Rückenmarks-Pole, der das Leben, wie
auch die dasselbe bedrohende Krankheiten birgt.
- Der Lebenswecker macht, außer den durch die Reinlichkeit gebotenen
täglichen Hautwaschungen, alle Bäder überflüssig (vid. sub 3); verschließt
mit den vielen Spielhöllen zugleich die kostspieligen Apotheken; zerbricht
die Aderlaß- und Schröpf-Messer, weis't dem Arzte, indem er ihn aus seinem
mysteriösen Dunkel an's Tageslicht der urtheilenden und prüfenden Kritik
hervorzieht, eine seines heiligen Berufes würdige Stellung im Leben an;
erzieht, weil er »Herr aller Krämpfe« ist, dem Staate kräftige*[xii]
Bürger; verhilft der Wissenschaft zu ihrem Zwecke und erlös't die
Menschheit von ihren Uebeln. -